Auf viele bedeutsame Lebensereignisse und neue Situationen bereiten wir Kinder verantwortungsvoll vor, beispielsweise auf den ersten Zahnarztbesuch oder die Geburt eines neuen Geschwisterchens, auf den ersten Kindergarten- oder Schultag. Wie aber ist das mit dem Thema „Tod und Sterben“?

„Guck doch mal, da liegt ein toter Vogel!“

Beim Spielen auf dem Spielplatz entdecken Simon (4 Jahre) und Julia (8 Jahre) einen toten Vogel. „Der bewegt sich ja überhaupt nicht … “ stellt Simon sichtlich irritiert fest. Julia dreht den Vogel mit einem Ästchen herum: „Logo! Der ist ja auch tot!“ Simon fragt: „Tot? Warum?“ Julia zuckt mit den Schultern: „Keine Ahnung, vielleicht war er krank oder alt oder er ist gegen den Baum geflogen …“ Simon hört aufmerksam zu. Nach einiger Zeit fragt er: „Und wann wird er wieder lebendig?“ Julia schüttelt den Kopf: „So ein Quatsch. Tot ist tot. Der wird nie wieder lebendig! Los, den beerdigen wir …“ Sie holt eine Schippe und gräbt im Gebüsch ein Loch. Ihren Bruder beauftragt sie Blätter und Steine zu sammeln. Sorgsam legt Julia die Mulde mit Blättern aus, bevor sie den Vogel vorsichtig hineinlegt und ihn mit Erde bedeckt. „Jetzt kannst du das Grab mit den Steinen schön schmücken“ sagt sie zu ihrem Bruder. Zuletzt spricht Julia noch eine Grabesrede: „Lieber Vogel, schade dass du gestorben bist. Wir wünschen dir alles Gute beim Totsein!“ Nach der „Beerdigung“ spielen die beiden noch eine Weile und als es zu regnen beginnt, machen sie sich auf den Heimweg. Beim Abendessen erzählen die Geschwister von ihrem Fund. „Ihr habt den Vogel doch hoffentlich nicht angefasst?“ fragt die Mutter besorgt. „Ne, nur mit Stock und Schippe …“ erwidert Julia souverän. Als Simon im Bett liegt und die Mutter ihm eine „Gute Nacht“ wünscht, sagt er aufgewühlt: „Du Mama, aber der tote Vogel wird doch ganz nass, wenn es regnet …“

Neugierde und Fragen stellen

Kinder haben ein natürliches Interesse am Phänomen „Tod“. Ein toter Vogel weckt die Neugierde, löst Forscherdrang und viele Fragen aus: Wieso bewegt sich der Vogel nicht mehr? Warum ist er tot? Woran ist er gestorben? Ist er für immer tot? Ist der Vogel jetzt im Himmel? Was machen wir mit dem toten Vogel?

Gespräche und Erfahrungen sammeln

Ein toter Vogel kann zum Anlass werden, um mit Kindern intensive Gespräche über den Kreislauf des Lebens, über Tod, Sterben sowie Gott und die Welt zu führen. Erwachsene sollten solche Gelegenheiten nutzen, um Kindern weiterführende Erfahrungen zu ermöglichen: Ein Spaziergang über den Friedhof, der Blick in das Schaufenster eines Bestattungsinstitutes, einen Film gemeinsam anschauen, ein Bilderbuch betrachten und vorlesen, über bekannte verstorbene Persönlichkeiten reden oder beim Durchblättern des Fotoalbums über verstorbene Familienmitglieder ins Gespräch kommen … In vielfältiger Weise können Kinder etwas über das Thema erfahren. Werden sie mit dem Tod eines Haustieres oder nahestehenden Menschen konfrontiert, trifft es sie nicht völlig unvorbereitet, weil sie dazu schon Erfahrungen gesammelt haben.

Vorstellungen vom Tod

Oftmals überraschen uns Kinder mit ihren genialen Gedanken, die sie in Bezug auf das Thema haben. Je nach individueller Entwicklung und persönlicher Erfahrung haben Kinder unterschiedliche Konzepte vom Tod. Die dargestellte Phaseneinteilung (Altersangaben) möchte deshalb nur eine grobe Richtung aufzeigen.

Kinder bis 3 Jahre haben noch keine konkrete Vorstellung vom Tod. Sie erleben wie ein Verstorbener nicht mehr da ist und nicht mehr zurückkommt. Tot sein bedeutet deshalb „weg und nicht mehr da sein“.

Kinder bis 6 Jahre können sich kaum vorstellen, dass etwas „für immer“ zu Ende sein soll. Sie stellen sich vor, dass ein Mensch, so wie er gestorben ist, auch wieder lebendig werden oder nur ein bisschen tot sein kann. Manche Kinder denken, dass der Tod einfach nur eine andere Form des Lebens ist. Sie malen sich aus, wie ein Verstorbener im Grab weiterlebt und fragen beispielsweise „Essen Tote eigentlich dasselbe wie wir?“ In diesem Alter haben Kinder eine blühende Fantasie. Sie sind davon überzeugt, dass sie die Realität kraft ihrer Gedanken und Wünsche beeinflussen können: „Ich zaubere meinen toten Bruder einfach wieder lebendig!“ Sie wissen bereits, dass alte Menschen sterben. Da sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben, vertreten sie zudem die Meinung, dass böse Menschen auch sterben müssen oder sollen, so wie dies in vielen Märchen dargestellt wird.

Kinder bis 10 Jahre haben ein Gefühl für die Zeit entwickelt: Was war gestern und was ist heute? Was wird morgen und was wird nie mehr sein? Sie können abstrakte, auch komplexe Zusammenhänge herstellen: „Wenn unser Hund nicht mehr gesund wird, dann muss er sterben.“ Ihr Wissen um den Tod wird zunehmend realistischer. Weil die Kinder bereits eine Ahnung von der Endgültigkeit des Todes haben, nehmen ihre Ängste – damit auch (unbewusste) Abwehrmechanismen – zu: „Vielleicht ist der Opa ja gar nicht richtig tot, vielleicht schläft er nur ganz fest?“ Verstandesmäßig wissen sie um die Konsequenzen, gefühlsmäßig jedoch ist es für Grundschulkinder noch sehr schwer, die Tatsache des Todes zu akzeptieren.

Kinder im Alter bis 18 Jahren wissen, dass ausnahmslos alle Lebewesen, auch sie selbst, sterben müssen. Sie haben ein umfangreiches Verständnis über mögliche Ursachen, die zum Tod führen können. Mit beginnender Pubertät setzen sich Jugendliche intensiv mit religiösen und spirituellen Fragen auseinander. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes gewinnt an Bedeutung.

 

Realistische Vorstellung

Kinder haben ein realistisches Sterblichkeitswissen, wenn sie folgende vier Dimensionen des Todesbegriffes „begriffen“ und somit verstanden haben:

  • Alle Lebewesen müssen sterben (Universalität).
  • Die Ursachen des Todes sind biologisch (Kausalität).
  • Der Tod ist nicht rückgängig zu machen (Irreversibilität).
  • Der Tod bedeutet völligen Stillstand der Körperfunktionen (Nonfunktionalität).

Margit Franz ist Dipl.-Pädagogin aus Darmstadt und Autorin von „Tabuthema Trauerarbeit. Kinder begleiten bei Abschied, Verlust und Tod“.

Verzerrte Vorstellungen

Ein Erwachsener weiß um diese Dimensionen, ein Kind jedoch muss sich diese Einsichten im Laufe seiner Entwicklung erarbeiten. Beziehen Kinder ihr Wissen über den Tod vorwiegend aus der medialen Konserve – Comics, Computerspiele, Zeichentrickfilme – führen diese „Second-hand-Erfahrungen“ meist zu verzerrten, unrealistischen, schlimmstenfalls gewaltverherrlichenden sowie menschenverachtenden Vorstellungen über das Sterben. Tritt der Ernst- und somit ein Trauerfall in der Familie ein, sind Vorkenntnisse dieser Art weder hilfreich noch fördern sie eine gesunde Auseinandersetzung mit der Situation und somit einen heilsamen Trauerprozess.

 

Krisenfreie Zeiten nutzen

Im Zeitalter der Medien ist es deshalb umso wichtiger, Kindern realistische Erfahrungen in diesem Themenbereich zu ermöglichen. Wenn Erwachsene Tod und Sterben nicht tabuisieren, fördern sie eine kindliche Auseinandersetzung mit der Thematik und eben dadurch können Kinder ein realistisches Konzept vom Tod entwickeln. Dieses wiederum ist Voraussetzung dafür, dass Kinder gut trauern und einen Verlust verarbeiten können. Der günstigste Zeitpunkt mit Kindern über Tod und Sterben zu sprechen, ist immer dann, wenn sich die Kinder selbst für das Thema interessieren und Fragen an uns richten. Ist die Thematik in der Familie (aufgrund eines Todesfalles) nicht akut und somit hochbrisant, fällt es Erwachsenen und Kindern leichter, sich dem Thema behutsam zu nähern. Mein Tipp für Eltern lautet deshalb: Nutzen Sie krisenfreie Zeiten um sich mit Ihren Kinder auf mögliche Krisenzeiten vorzubereiten. Feiertage wie Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag bieten sich an, um über die Endlichkeit des Lebens, bei einem Spaziergang über den Friedhof, ins Gespräch zu kommen.