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Der ganz normale Wahnsinn unter Geschwistern
Streit, Neid und die große Liebe
Kolumne von Christina Pfister

Ich habe zwei Töchter, die sich innig lieben, sich gegenseitig zum Lachen bringen und füreinander da sind. Und die sich trotzdem mit einer beeindruckenden Regelmäßigkeit über Dinge streiten, bei denen man als Mutter irgendwann nicht mehr weiß, ob man schlichten oder einfach Popcorn holen sollte.
Besonders interessant wird es beim Thema Gerechtigkeit. Denn Gerechtigkeit unter Geschwistern ist offenbar ein Konzept, an dem schon die größten Denker gescheitert sein müssen. Es geht nämlich nicht unbedingt darum, dass beide dasselbe bekommen. Es geht darum, dass keine der beiden das Gefühl hat, die andere könnte auch nur einen Hauch mehr bekommen haben.
Ein Stück Kuchen, das wenige Millimeter größer ist als das andere, kann da schon reichen. Plötzlich wird nicht mehr gegessen, sondern vermessen. Ich ahne: Die interne Beschwerdestelle öffnet gleich ihre Pforten. Dann geht es auch schon los und von ein paar fehlenden Kuchenkrümeln ist der eifersuchtsbeladene Weg zu „immer bekommt sie das größere/bessere/tollere …!“ nicht mehr weit. Da kann man als Mutter noch so gerecht sein, die schwesterliche Gleichbehandlungsbehörde findet garantiert einen Grund zur Beanstandung.
Auch die Reihenfolge ist bei uns ein sensibles Thema. Wer zuerst ins Auto darf oder wer zuerst die Treppe runterläuft – allein das kann zur Staatsaffäre werden. Besonders beliebt ist die Frage, wessen Glas zuerst gefüllt wird. Wenn die Kleine zuerst dran war, hat die Große natürlich „immer“ das Nachsehen. Wenn die Große zuerst dran war, ist die Kleine überzeugt, dass sie „nie“ zuerst darf.
In unserem Auto geht der Streit manchmal weiter, bevor überhaupt jemand angeschnallt ist. Beide wollen am liebsten am Fenster sitzen. Und zwar genau an dem Fenster, an dem die andere sitzen möchte. Irgendwann könnte man die Plätze einfach auslosen, aber dann hat natürlich eine von beiden „immer Pech“. Fährt man dann noch einen kleinen Schlenker, sind wir beim nächsten aufrechnungswürdigen Faktor: Zeit. „Sie durfte fünf Minuten länger!“ Eine Zeitspanne, die für einen Erwachsenen nicht der Rede wert ist, kann unter Geschwistern nämlich eine historische Ungerechtigkeit darstellen.
Aber siehe da: Eine bemerkenswerte Begabung meiner beiden Töchter ist ihre Fähigkeit zur spontanen Geschlossenheit, sobald eine äußere Bedrohung auftaucht. Und mit „äußere Bedrohung“ sind in diesem Fall meistens genau zwei Personen gemeint: mein Mann und ich. Wenn es darum geht, wer die Süßigkeitenkiste geplündert hat, warum im Kinderzimmer eine halbe Packung Glitzer verteilt wurde oder warum der Hund plötzlich eine andere Fellfarbe hat, herrscht zwischen ihnen eiserne Solidarität. Die eine weiß nichts, die andere weiß auch nichts, und es ist erstaunlich, wie schnell zwei Kinder, die sich gerade noch darüber gestritten haben, wessen Glas zuerst gefüllt wurde, eine gemeinsame Front gegen die elterliche Ermittlungsbehörde bilden können.
Am Ende hat diese ganze Eifersüchtelei unter Geschwistern nämlich doch etwas Gutes. Denn hinter Streit und Neid steckt meistens auch eine große Verbundenheit. Geschwister sind oft die ersten Menschen, mit denen man lernt, dass die Welt nicht immer gerecht ist und dass andere Menschen manchmal mehr bekommen. Dass man nicht immer gewinnt. Dass man teilen muss, obwohl man überhaupt keine Lust dazu hat.
Die beiden lernen miteinander, ihre eigenen Bedürfnisse zu vertreten, Grenzen zu setzen, Kompromisse auszuhandeln und auszuhalten. Dass Geschwister sich streiten und miteinander konkurrieren, ist deshalb nicht nur normal, sondern gehört zum Großwerden dazu.
Und wenn sie dann groß sind, werden sie sich wahrscheinlich kaum noch daran erinnern, wessen Stück Kuchen größer war. Aber vielleicht denken sie daran, dass da immer jemand war, mit dem man streiten konnte, ohne Angst haben zu müssen, ihn dadurch für immer zu verlieren. Jemand, der einen wahnsinnig machen konnte und trotzdem immer für einen da war.
Christina Pfister
Die gebürtige Freiburgerin lebt mitlerweile am Fuße des Odenwalds und liebt Pferde, Kunst, Literatur, Wald, Kochen und Esskultur. Seit 2009 führt sie ihren Foodblog www.newkitchontheblog.de ein kulinarisches Tagebuch. Die Mutter von zwei Töchtern schreibt über Alltägliches und Besonderes und würzt ihre Beobachtungen mit köstlichen Rezeptideen und kunstvollen Fotos. Die Autorin ist mit ihrem unterhaltsamen Blog auch beim fratz Familienmagazin vertreten.






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