Als zertifizierte Ernährungsberaterin E-zert e.V. betreut Alina Schwiontek Familien in den Darmstädter Kinderkliniken. Warum die Ernährung für die Kindergesundheit eine so große Rolle spielt, erklärt die dreifache Mutter hier im Gespräch.
Was Kinder heute essen, prägt ihre Gesundheit von morgen. Würden Sie dem zustimmen?
Ja, die Weichen für das Leben werden früh gestellt. Die ersten 1000 Tage im Leben eines Kindes sind schon ab der Zeugung für die Allergieprävention und die Geschmacksprägung wichtig. Sie entscheiden, was die Kinder später mögen oder ablehnen. Eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse hilft, länger gesund zu bleiben und vielen Erkrankungen vorzubeugen. Kinder, die früh mit vielen Nahrungsmitteln in Kontakt kommen, akzeptieren sie besser und zeigen ein ausgewogeneres Essverhalten.
Warum ist das im Kindesalter so entscheidend und wie kann man das unterstützen?
Kinder, die von Anfang an zu Hause viel Gemüse, Vollkornprodukte und wenig verarbeitete Nahrungsmittel bekommen, essen als „Große“ mehr davon. Gewohnheiten bei den Mahlzeiten helfen, eine gute Hunger- und Sättigungsregulation zu erlernen. Kinder sollten erkennen können: Habe ich Hunger, bin ich satt oder ist es nur Appetit? Sie müssen lernen, auf ihren Körper zu hören und schmecken erlernen. Der Schlüssel sind die Eltern und Geschwister als Vorbilder. Wichtig ist das gemeinsame Essen am Tisch ohne Ablenkung: kein Fernsehen, kein Tablet, kein Handy, kein Spielzeug. Schöne Tischgespräche in der Familie helfen.
Welche Rolle spielt Ernährung bei der Entstehung und Vorbeugung von Allergien?
Neben Ernährung spielen viele Dinge eine Rolle: die Genetik etwa, der Wohnort oder auch die Tatsache, ob die Geburt ein Kaiserschnitt war oder nicht. Wir wissen aber, dass Muttermilch eine wichtige Grundlage bei der Vorbeugung von Allergien ist. Das Immunsystem sollte früh mit Allergenen in Kontakt kommen, um zu lernen, dass die harmlosen Stoffe nicht „böse“ sind. Beikost sollte deswegen zwischen dem 5. und 7. Monat eingeführt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Kinder sehr offen für Neues. Auch hier ist es wichtig, dass es viele verschiedene Lebensmittel gibt.
Was sagen Sie zum Thema Milch?
Die Kuhmilch im Abendbrei (mit etwa 6 Monaten) ist ein wichtiger Bestandteil. Am besten ist eine frische, traditionell hergestellte, nicht homogenisierte Bio-Heumilch mit hohem Fettgehalt. Je niedriger der Verarbeitungsgrad ist und je weniger Zusätze in Produkten sind, desto besser sind sie für die Gesundheit.
Welche Irrtümer begegnen Ihnen im Arbeitsalltag?
Ich treffe immer wieder Eltern, die ihre Kinder zuckerfrei erziehen wollen – ohne Industriezucker. Trotzdem bieten sie ihren Kindern Produkte mit Fruchtzucker an. Hier muss man leider sagen: Zucker ist Zucker – egal, ob aus der Zuckerrübe, aus Agaven oder aus getrockneten Früchten. Ich finde, man sollte Kindern im Laufe ihres Lebens eher den gesunden Umgang mit Zucker beibringen. Verzicht oder Verbote bringen wenig.
Mit welchen Beschwerden kommen Familien in die Kinderkliniken?
In meiner Beratung sehe ich häufig Kinder, die ein ungünstiges Essverhalten und dadurch Verdauungsprobleme haben. Hier lege ich zunächst ein Ernährungsprotokoll an und zeige dann Alternativen auf. Manchmal braucht es keine Pillen, sondern nur eine kleine Veränderung beim Essen oder im Alltagsablauf. Auch Kinder mit schweren Nahrungsmittelallergien sind mein täglicher Begleiter. Viele müssen eine Diät für Milch, Eier, Weizen oder Nüsse einhalten. In Gesprächen mit den Eltern zeige ich, welche Alternativen eine gesunde und altersadäquate Nährstoffversorgung sichern. Ich versuche den Eltern die Ängste zu nehmen: Die Lebensqualität der betroffenen Kinder muss nicht leiden. Wir wollen Diäten bei Kindern nur so lange wie nötig einhalten. Sobald es die Allergiewerte zulassen, versuchen wir, die Lebensmittel wieder in den Alltag einzuführen. Das testen wir im klinischen Setting im Rahmen einer oralen Nahrungsmittelprovokation. Hier erhalten die Kinder das Allergen unter ärztlicher Aufsicht. Wir beobachten dann, ob eine Reaktion auftritt oder nicht.
Inwiefern kann Ernährung Krankheiten vorbeugen oder sogar behandeln?
Hier spielt das Mikrobiom im Darm eine wichtige Rolle. Es gehört zum Immunsystem. Der Begriff meint alle Bakterien, Viren, Pilze und andere Mikroben, die auf und in unserem Körper leben. Im Darm lebt aber die mit Abstand größte und vielfältigste Gemeinschaft von Mikroorganismen. Wichtiger als Darmsanierungen oder Probiotika durch Pillen bleibt aber die abwechslungsreiche Ernährung. Wir stärken unser Mikrobiom durch gute Ballaststoffe aus Gemüse; das sind die Präbiotika als kleine Helferlein.
Der Darm freut sich auch, wenn wir wenig verarbeitete, zuckerreduzierte Nahrung zu uns nehmen. Hier wird aktuell viel geforscht. Welche Bakterienstämme sind wichtig und welche helfen, Krankheiten vorzubeugen? Mit einem gesunden Mikrobiom und durch regelmäßige Mahlzeiten können wir chronischen Darmerkrankungen, Blähbäuchen, Verstopfungen und Bauchschmerzen vorbeugen.
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