Ein Beitrag von Suse Lübker

Als ihr Sohn Philip von der Schule nach Hause kommt, ist alles wie immer. Katja Lechner (Name von der Redaktion geändert) kommt von der Arbeit zurück, kauft hektisch ein, räumt noch schnell das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine und wärmt das Mittagessen auf. Genau eine Stunde hat sie Zeit, bis Philip von der Schule nach Hause kommt. Sie ist angestrengt, unausgeschlafen und vom Alltag überfordert. Als Philip über das Essen meckert, schmeißt sie plötzlich ihren Teller gegen die Wand. Philip flüchtet in sein Zimmer, Katja weint. Nie hätte sie gedacht, dass es soweit kommen würde.

Müde und erschöpft, gestresst und überlastet – für viele Eltern sind das keine Fremdwörter. Eigentlich ganz normal, schließlich ist das Familienleben nicht nur mit viel Freude und Staunen über die Entwicklungssprünge der Kinder, sondern auch mit jeder Menge Aufgaben und Pflichten verbunden. Irgendwer muss schließlich einkaufen, putzen, kochen, waschen, die Kinder in den Kindergarten bzw. in die Schule bringen, sie zu Freunden oder zum Sport fahren, ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Wenn beide Elternteile berufstätig sind, muss ein großer Teil der Arbeiten wohl oder übel nach Feierabend erledigt werden. Dann ist allerdings in der Regel auch die Zeit für ein gemeinsames Familienessen. Und irgendwann müssen die lieben Kleinen ja auch mal ins Bett gebracht werden. Bei kleinen Kindern kommen zu den alltäglichen Arbeiten auch noch die Unterbrechungen in der Nacht, wenn das Kind gestillt wird oder Trost braucht, weil es schlecht geträumt hat.

Rund um die Uhr gefordert

Eine Vollzeitarbeitsstelle also, auch für Mütter oder Väter mit Teilzeitjobs. Kein Wunder, dass am Abend „die Luft raus ist“ und viele sich erschöpft und antriebslos fühlt. Folge der Überforderung können Schlafstörungen, Ungeduld, Ängste und Schuldgefühle sein. Im schlimmsten Fall bricht ein Elternteil psychisch oder physisch zusammen, dann spricht man in der Fachsprache vom „Burnout“ – vom inneren Ausbrennen „Burnout ist ein tiefgreifender psycho-somatischer Erschöpfungszustand, verbunden mit dem Verlust der Erholungsfähigkeit“, so fasst es die Burnout-Therapeutin Helen Heinemann zusammen. Die Therapeutin leitet das Institut für Burnout-Prävention (IBP) in Hamburg und gibt bundesweit Seminare für Betroffene. Manche Menschen reagieren eher körperlich, bekommen Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder Ohrgeräusche, andere können sich nicht mehr gut konzentrieren, vergessen Termine oder fühlen sich allgemein überfordert und reagieren gereizt. Genauso ging es auch Katja Lechner. Jahrelang versuchte sie, ihren eigenen (hohen!) Ansprüchen zu genügen: Philip liebevoll zu einem selbstbewussten Kind zu erziehen, ihn zu unterstützen und zu fördern, sich selbst beruflich weiterzuentwickeln, den Haushalt zu managen und für alle da zu sein. Ein Rund-um-die- Uhr-Fulltime-Job. Sie schläft schlecht, hat oft Kopfschmerzen und reagiert oft gereizt. Irgendwann wird der Druck zu stark, sie weiß nicht mehr, was sie zuerst machen soll, kommt innerlich nicht zur Ruhe und muss dennoch im Berufs- und Familienalltag funktionieren.

Alarmzeichen erkennen

„Betroffen sind vor allem Menschen, die sehr leistungsfähig und engagiert sind“, erklärt Burnout-Expertin Heinemann. Burnout entstehe oft dann, wenn Menschen ihre eigenen Ansprüche zu hochstellen. Alles muss perfekt sein, sowohl im Berufs- als auch im Familienleben. Genauso sieht die Realität eben nicht aus, das Leben mit Kindern läuft selten nach Plan. Mal werden die Kinder ausgerechnet dann krank, wenn beide Elternteile arbeiten müssen, mal gibt es Probleme in der Schule, mal ungeplante Geschäftsreisen. Der ganz normale Alltagswahnsinn? „Es ist völlig selbstverständlich, dass man erschöpft ist. Mütter müssen nicht ständig gut gelaunt und freundlich sein, es ist völlig in Ordnung, dass man auch mal gereizt und überfordert ist,“ erklärt Heinemann. Kritisch wird es dann, wenn die Erschöpfung zu einem Dauerzustand wird. „Wenn jemand sich auch nach einem ruhigen Wochenende oder nach einer Auszeit nicht richtig erholt fühlt, ist das ein Alarmzeichen“, so Heinemann. Allerdings falle es gerade besonders engagierten Menschen auch schwer, sich eine Auszeit zu gestatten und zuzugeben, dass sie Unterstützung brauchen. Hilfreich
ist es, wenn betroffene Frauen auf Verständnis in der Familie, aber auch in der Gesellschaft treffen. Viele Männer können sich erst dann vorstellen und respektieren, was Frauen leisten, wenn sie selbst mal ein paar Wochen den Part des Hausmannes übernommen haben.

Mit dem Stress umgehen

Wer also rechtzeitig Anzeichen von dauerhafter Überlastung erkennt und etwas dagegen unternimmt, ist auf dem besten Weg, ein Burnout zu vermeiden. Fachleute sind sich einig, dass man lernen muss, mit akutem Stress umzugehen und ihn langfristig zu vermeiden. Das klappt allerdings nur, wenn man bereit ist, seine Lebensgewohnheiten zu verändern. Unterstützung gibt es von verschiedenen Stellen. Hilfreich ist in jedem Fall, das persönliche Zeitmanagement zu überprüfen:

Kann ich Alltagsdinge an andere
verteilen, um mehr Zeit und Muße für
die Familie zu haben und selbst mehr
zur Ruhe zu kommen?

Ist wirklich alles so wichtig und muss sofort erledigt werden oder schaffe ich es, mich auf eine Sache zu konzentrieren und diese auch zu Ende zu führen, statt ständig hin- und her zu springen?

Gibt es Familienmitglieder oder
Freundinnen/Freunde, die mich
unterstützen können? Kann ich mir
eine Haushaltshilfe leisten?

Kann ich To-dos in einem Schwung
erledigen: Also, statt alle zwei Tage
einkaufen zu gehen, den Wocheneinkauf
erledigen (oder an den Partner/die Partnerin) delegieren?

Auch Entspannungsübungen und Sport können ein Burnout verhindern. Inzwischen bieten einige Krankenkassen Stresspräventionskurse an bzw. vermitteln Mutter-Kind oder Vater-Kind-Kuren. Sich Unterstützung zu organisieren ist eine Sache – entscheidend ist, dass Frauen gut für sich selbst sorgen und auch für ein Kind sei eine entspannte
Mutter sehr viel wertvoller, als eine gestresste
Mutter resümiert Helen Heinemann.

Ja, aber…

Nun ist es ja bekanntlich schwierig, sein Leben von einem auf den anderen Tag umzukrempeln. Oft hindert uns der viel zitierte innere Schweinhund, Dinge in Angriff zu nehmen. Es hilft aber ungemein, wenn man überhaupt erst einmal beginnt, selbst wenn man auf den eigenen (inneren) Widerstand und den der Familie stößt. Entscheidend für die Realisierbarkeit: die Familie mit einbeziehen. Den Kindern und dem Partner deutlich machen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, etwas zu verändern und dass alle Familienmitglieder davon profitieren werden. Denn eines ist sicher: Je zufriedener und ausgeglichener wir Mütter (und auch die Väter) sind, desto besser ist die Stimmung zuhause.
Auch das Thema Selbstfürsorge spiele eine wichtige Rolle, so die Psychotherapeutin und Mutter zweier Kinder, Barbara Jakubowski. Schließlich sei eine Mutter, die für sich selbst sorgt, ein besseres Vorbild als eine chronisch überlastete Mutter.
Katja Lechner hat das Warnsignal erkannt. Inzwischen hat sie an einem Burnout-Präventionsprogramm teilgenommen und gelernt, wie wichtig es ist, sich regelmäßig aus dem Alltag auszuklinken, um zur Ruhe zu kommen. Sie ist sehr froh, dass ihr Sohn verstanden hat, dass seine Nörgelei nur der Auslöser für ihren Küchen-Wutanfall war und nicht die Ursache.

 

Präventionsseminare:

Die fünftägigen Intensivseminare „Work-Life-Balancing“ von dem Institut für Burnout-Prävention finden regelmäßig in Hamburg, Berlin, Köln und München statt und werden von der Krankenkasse bezuschusst, für TK-Versicherte ist das Seminar kostenfrei. Die Seminare finden in kleinen Gruppen, getrennt für Frauen und Männer statt und bieten einen geschützten Raum für persönliche Fragestellungen Informationen unter www.ibp-hamburg.de/persoenliches-stressmanagement/kassengestuetzte-intensivseminare/

Beratung und Kuren:

Das Diakonische Werk Darmstadt-Dieburg berät Mütter und Väter und informiert über Kuren sowie über Hilfen und Unterstützung vor Ort. Telefon 06151 926115 oder -118 oder per Mail an muettergenesung@diakonie-darmstadt.de

Der Darmstadt-Wegweiser Familie und Beruf bietet jede Menge Informationen und Adresse für Darmstädter Familien, so zum Beispiel auch therapeutische Angebote für Erwachsene in der Elternrolle. Infos unter www.familien-willkommen.de

Weiterlesen:

Helen Heinemann: Irgendwas muss anders werden. Neue Wege aus der Erschöpfung. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2020
„Irgendwas muss anders werden“, diesen Satz kennen viele gestresste Eltern. Und mit diesem Stoßseufzer kommen viele Frauen und Männer in die Seminare von Helen Heinemann.
Anhand von O-Tönen und praktischen Tipps zeigt die erläutert die Burnout-Expertin Schritt für Schritt wie wir gar nicht erst in die Burnoutfalle tappen und gelassener und mit Lebensfreude den Alltag managen.

Karella Easwaran: Das Geheimnis ausgeglichener Mütter: Starke Mütter – Starke Familien – Starke Gesellschaft. Kösel Verlag 2020
Die renommierte Kinder- und Jugendärztin ist überzeugt, dass wir erst dann entspannt den Alltag gestalten können, wenn wir kraftraubende Denkmuster überwinden. Wie das funktioniert, erläutert sie mit anschaulichen Praxisbeispielen.