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Picky Eater

Ernährung – Mein Kind isst nicht

Ein Beitrag von Thea Wittmann

Dass Kinder gar nichts essen wollen, kommt äußerst selten vor. Häufig essen sie aber nicht das, was Eltern ihnen vorsetzen – oder nur Spatzenportionen. Einfache Tipps können helfen, die Essenssituation zu entspannen.

Pina ist kritisch, wenn es ums Essen geht. Ihre Portionen sind winzig. Erbsen spießt sie einzeln auf die Zinken der Gabel, Reis mag sie gern, aber bitte nur mit Butter! Soße lehnt sie ab, da sind erkennbare Gemüsestückchen drin. Durcheinander auf dem Teller ist nicht ihr Ding, sie mag es gerne übersichtlich. Je bunter eine Mahlzeit ausfällt, desto schlimmer. Im Grunde könnte sie sich ausschließlich von Toastbrot mit Honig oder Marmelade ernähren. Aber das kommt für Mama und Papa nicht in die Tüte. Die betrachten das Essverhalten ihrer Tochter mit Sorge. Isst Pina genug?

Fixierung auf Bekanntes und Süßes ist angeboren

„Kinder mögen das, was sie kennen“, erklärt Prof. Mathilde Kersting, Ernährungswissenschaftlerin und ehemalige Leiterin des Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE) der Unikinderklinik Bochum. Die Gewöhnung an bestimmte Geschmacksstoffe beginnt schon mit dem Stillen: Mamas Mahlzeiten und Snacks bestimmen, woraus sich die Muttermilch zusammensetzt. Diese erste Nahrung schmeckt vor allem süß – und was süß schmeckt, ist gut. Kein Wunder, dass Kinder diese Fixierung auf Süßes beibehalten, wenn es um Essen oder Getränke geht. Geschmacksnoten wie sauer, herb oder salzig sind ungewohnt, sie müssen erst erlernt werden.

Damit Kinder überhaupt beurteilen können, was sie mögen und was nicht, müssen Sie probieren dürfen – „unter angenehmen Bedingungen und ohne Zwang“, wie Kersting betont. Dazu zählt auch die Erlaubnis, schon Angebissenes oder Gekautes wieder an den Tellerrand zurücklegen zu dürfen, wenn es nicht schmeckt.

Geschmack ist ein Lernprozess: Etwa acht- bis zehn Mal muss ein Kind ein neues Lebensmittel probieren, bis es beurteilen kann: „schmeckt mir“ oder „schmeckt mir nicht“. Selten klappt es beim ersten Versuch, einen Treffer zu landen. Was häufig auf den Teller kommt, hat da schon bessere Chancen. „Es ist wichtig, die Speisen bzw. Lebensmittel immer wieder anzubieten, sodass die Angst vor Neuem schwindet“, sagt Diplom-Ökotrophologin Sonja Fahmy von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE e.V.).

Wie Kinder essen lernen

Kinder schauen sich alles von ihren Eltern ab, sie lernen durch Nachahmen. „Eltern sind wichtige Imitationsmodelle, sie prägen das Essverhalten des Kindes“, erklärt Sonja Fahmy. Nicht nur der Auftrag für eine gesunde, ausgewogene Ernährung liegt bei Mama und Papa, sondern auch die Vorbildrolle in Sachen Essgewohnheiten. Wenn die Eltern Obst, Rohkost und Salat als Bestandteil der Hauptmahlzeiten oder als Snack lieben, bestehen gute Aussichten, dass auch die Kinder zu Grünem und Buntem greifen.

Tipp für Eltern: Süßigkeiten und zu viele kleine Snacks zwischendurch füllen den Magen, die Hauptmahlzeiten werden unattraktiv. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind zu wenig oder zu selektiv isst, schauen Sie, was es zwischendurch isst. Ein Eis auf dem Spielpatz oder Kekse auf dem Schulweg oder Kekse nehmen den Hunger fürs gemeinsame Mittagessen.

Ausgewogener Speiseplan

Beste Voraussetzung für eine ausgewogene Ernährung bietet die Optimierte Mischkost (Hinweis Broschüre): Reichlich Wasser, ungesüßte Getränke und pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse und Obst, Getreideprodukte sowie Kartoffeln, Nudeln, Reis. Nur mäßig gibt’s Milch und andere tierische Lebensmittel wie Eier, Fleisch und Fisch. Sparsam verwendet werden fett- und zuckerreiche Lebensmittel. Pro Tag sind drei Hauptmahlzeiten vorgesehen, die weder zu üppig, zu salzig oder zu fettig ausfallen. Für den kleinen Hunger zwischendurch sind zwei Zwischenmahlzeiten mit viel frischem Obst oder Gemüse vorgesehen.
Dieser Speiseplan, entwickelt vom Forschungsinstitut für Kinderernährung, ist auf die gesunde Ernährung für Kinder und Jugendliche im Alter von 1 bis 18 Jahren ausgerichtet. Die Energiezufuhr – sprich: die Essenmenge – fällt je nach Alter unterschiedlich aus.

Ohne Druck und Zwang

Auch wenn Sie denken, dass Ihr Kind nicht vernünftig isst: Bleiben Sie entspannt. Kinder sollten die Menge, die sie zu sich nehmen, selbst bestimmen dürfen. „Viele Eltern verzweifeln in dieser Phase und versuchen mit allen Überredungskünsten das Kind vom Essen zu überzeugen. An dieser Stelle ist Gelassenheit gefragt“, rät Fahmy.

Essen bedeutet Autonomie. Dass schon kleine Kinder in ihrer Entwicklung nach Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit streben, zeigt sich auch am Esstisch. Was und wann gegessen wird, geben die Eltern vor. Das Kind kann nur steuern, wie viel es davon isst – oder wie wenig. Der Wunsch nach Selbstwirksamkeit ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Das Kind wird unabhängiger. Beim gemeinsamen Essen ist entscheidend, jeglichen Druck zu vermeiden, Mindestmengen festzulegen oder gar auf einen leer gegessenen Teller zu bestehen.

Sorge um „schlechte Esserinnen und Esser“

Junge Kinder haben einen angeborenen ausgeglichenen Hunger- und Sättigungsmechanismus. Über Spatzenportionen müssen sich Eltern keine Sorgen machen, solange das Kind gesund ist und sich normal entwickelt. Kinder- und Jugendärzte kontrollieren regelmäßig bei den Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen) Größe und Körpergewicht. Ob sich ein Kind altersgemäß entwickelt, ob es unter- oder übergewichtig ist, lässt sich an den Normwertkurven, den sogenannten Perzentilkurven, ablesen. Wird dies festgestellt, ist das noch kein Grund zur Sorge, solange es gesund und aktiv ist.

Es gibt aber auch körperliche Gründe, aus denen Kinder Essen verweigern – zum Beispiel Schluckbeschwerden. Lassen Sie Ursachen wie vergrößerte Mandeln, Zahnprobleme oder eine Kieferfehlstellung ärztlich abklären. Dass ein Kind nicht viel isst, kommt häufig vor, besonders im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Die Ärztin oder der Arzt hat bei der U-Untersuchung im Blick, ob das Wachstum von den Normwerten abweicht. Sollte ihr Kind in kurzer Zeit stark abnehmen oder eine Phase der Essensverweigerung länger als einen Monat anhalten, dann sprechen Sie das Thema an.

Tipp für Eltern:

  • Nicht verzagen: Versuchen Sie es immer  wieder! Kombinieren Sie bei den Mahlzeiten immer Bewährtes mit nur einer neuen Komponente.
  • Süßigkeiten und zu viele kleine Snacks zwischendurch füllen den Magen, die Hauptmahlzeiten werden unattraktiv. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind zu wenig oder zu selektiv isst, schauen Sie, was es zwischendurch isst. Ein Eis auf dem Spielpatz oder Kekse auf dem Schulweg oder Kekse nehmen den Hunger fürs gemeinsame Mittagessen.
  • Vermeiden Sie das Attribut „gesund“ bei Lebensmitteln, die Ihr Kind nicht mag. Die Verbindung von „gesund“ und „schmeckt mir nicht“ ist schnell geknüpft – das kann sich kontraproduktiv auswirken.
  • Zwingen Sie Ihr Kind auf keinen Fall zum Essen. Auch wenn es schwerfällt: Schimpfen Sie nicht, wenn Ihr Kind im Essen herumstochert. Essen sollte niemals zu einem Machtkampf führen. Leben Sie stattdessen Ihre Freude am Kochen und Essen vor und behalten Sie diese Freude auch bei, wenn Ihr Kind etwas nicht probieren möchte. Achten Sie darauf, dass ihr Kinder ausreichend trinkt. Auch zu den Mahlzeiten sollte immer ein Glas Wasser bereitstehen.
  • Achten Sie auf die Konsistenz: Viele Kind essen partout kein Fruchtjoghurt mit festen Stückchen oder Kartoffelbrei, der Klümpchen enthält. Auch gekochten Paprika oder Zucchini ist akzeptieren manche nicht. Ein Rohkostteller mit kleinen Stückchen Paprika, Gurke oder Tomate liefert Vitamine und Ballaststoffe.
  • Oft ist es nicht einfach, die Familie gemeinsam an den Tisch zu bringen. Nehmen Sie sich die Zeit dafür, mindestens einmal am Tag. Eine feste Essenzeit kann helfen.

Essen schmackhaft machen

Was macht Kindern das Essen schmackhaft? Das gemeinsame Erlebnis! Ein schön gedeckter Tisch, eine gelöste Atmosphäre, ein angenehmes „Drumherum“ machen Appetit. Getoppt wird das alles nur noch durch das Lieblingsessen. Ein gemeinsamer Einkauf kann Lust aufs Essen wecken, etwa Obst und Gemüse auswählen, verschiedene Nudelsorten und deren Formen vergleichen. Auch gemeinsames Schnippeln macht Appetit, und dabei ist Naschen erlaubt.

Was hat am Esstisch nichts verloren? Streit, Probleme, Smartphones. Bildschirme ausschalten, Spielzeug wegräumen, denn all das lenkt Kinder davon ab, was und wieviel sie essen. Auch „Belohnungsstrategien, wie ‘Es gibt nur etwas Süßes, wenn der Teller leer gegessen wird‘, sind nicht sinnvoll“, warnt Fahmy. Essen darf kein Instrument der Erziehung sein.

„So oft wie möglich sollte die Familie gemeinsam am Tisch sitzen“, sagt Prof. Kersting. Und das ist wörtlich gemeint: Der Esstisch ist der Fixpunkt. Diese gemeinsame Mahlzeit ist mehr als reine Nahrungsaufnahme, sie ist Familienzeit. Ein US-Forscherteam fand heraus, dass feste symbolische Handlungen vor dem Essen die Lebensmittel köstlicher erscheinen lassen. „Rituale kehren immer wieder und bieten Kindern Halt, Vertrautheit, Sicherheit und Orientierung“, so Fahmy.

Kinder lieben Rituale, zum Beispiel diese: Jedes Familienmitglied hat seinen Platz am Tisch. Für die Kinder gibt es das Lieblings-Kindergeschirr oder das Lieblingsglas. Den Tisch decken alle gemeinsam. Aber Rituale können auch so aussehen: ein Lied, ein Tischspruch, ein kleiner Bericht vom Tag: Was war heute besonders schön? Worüber habe ich mich geärgert? Wichtig ist, das Essen gemeinsam zu beginnen und zu beenden.

Literatur und Links

Die Broschüre zur Optimierten Mischkost gibt’s im FKE-Shop (Forschungsdepartment Kinderernährung Universitäts-Klinik Bochum) unter www.fke-shop.de

Zum Download: In die Küche, fertig, los!, das Rezeptbuch für Eltern und Kitas: 17 Rezepte für Zuhause, die Kita oder unterwegs mit anschaulichen Schritt-für-Schritt Anleitungen – www.dge.de/rezepte

Probleme rund ums Essen? Lesen Sie hier weiter: www.kindergesundheit-info.de/themen/ernaehrung/essprobleme/