Ein Beitrag von Monika Klingemann

Wer die typischen Gefahrenquellen kennt, kann das Risiko von Unfällen senken.

Unfallverletzungen sind für Kinder ab einem Jahr die häufigste Todesursache. Doch wer bei Unfällen mit Kindern zunächst an den Straßenverkehr denkt, täuscht sich: Nur jeder achte Unfall von Kindern und Jugendlichen passiert auf öffentlichen Verkehrswegen. Das eigene Zuhause birgt dagegen deutlich mehr Gefahren, gerade für kleine Kinder: Bei Kleinkindern zwischen ein und vier Jahren ereignen sich Unfälle vorwiegend zu Hause (62,9 Prozent), so Zahlen des Robert-Koch-Instituts.

Warum sind gerade Kinder so gefährdet? Sinneswahrnehmung und Motorik sind noch nicht „ausgewachsen“ – so entwickelt sich das räumliche Sehen erst bis zum neunten Lebensjahr, auch Bewegungsabläufe werden erst mit der Zeit automatisiert, motorische Sicherheit muss gelernt werden, die Reaktionsgeschwindigkeit ist langsamer. Dazu kommt altersbedingt eine große Neugier und Entdeckerfreude, während ein Gefahrenbewusstsein noch fehlt.

Gefährliche Fallhöhe

Ein typisches Unfallszenario bei kleinen Kindern sind Stürze, etwa vom Wickeltisch. Auch wenn ein Neugeborenes scheinbar wenig mobil ist: Gewöhnen Sie es sich vom ersten Tag an, vorher alle Wickelutensilien bereitzulegen und immer eine Hand am Kind zu lassen. Falls Sie dringend weg müssen, das Kind einfach kurz auf den Boden legen – oder das Wickeln gleich dort stattfinden lassen.

Stellen Sie auch die Liegefläche des Babybetts rechtzeitig tiefer, sobald das Baby mobiler wird. Bei kleinen Kindern ist der Körperschwerpunkt wegen des verhältnismäßig großen Kopfes höher, und schnell verlagert sich ihr Gewicht nach vorne und fallen aus dem Bett.

Im zweiten Lebensjahr dann ist das Unfallrisiko besonders hoch. Denn sobald Kinder frei gehen können, dehnt sich ihr Bewegungs- und Erfahrungsraum schlagartig aus – höchste Zeit, das häusliche Umfeld kindersicher zu machen. Wenn es ans Laufenlernen geht, dienen Möbel aller Art als Hilfen zum Hochziehen und entlanghangeln. Regale, die nicht an der Wand verankert sind, oder wackelige Einlegebretter können dann zur Gefahr werden. Also alles kippsicher festdübeln beziehungsweise -schrauben!

Im Zuhause mit mehreren Etagen verhindert ein Schutzgitter, dass die Treppe zum Unfallort wird. Es sollte zumindest im oberen Stockwerk montiert werden, idealerweise auch am Fuß der Treppe. Bei glattem Treppenbelag erhöhen Anti-Rutsch-Streifen an den Stufen die Sicherheit für alle Familienmitglieder. Genauso wichtig, auch im Mehrfamilienhaus: Mit dem Kind die richtige Treppensteigtechnik trainieren. Die Treppe rückwärts runterzukrabbeln, ist eine bewährte Variante. Viel unter Aufsicht üben gibt außerdem Sicherheit.

Damit das Kind nicht nur auf Augenhöhe, sondern auch sicher mit am Esstisch sitzt, sollten Eltern in die Anschaffung eines soliden Hochstuhls investieren. Die Stiftung Warentest etwa bewertet regelmäßig aktuelle Modelle. Außerdem müssen die Kleinen wissen: Aufstehen im Hochstuhl ist strengstens verboten! Auch fürs Hochbett – ein weiteres Möbel mit hohem Unfallrisiko – helfen ein paar Regeln: Ein möglichst hohes Seitengitter verhindert Herausfallen, das Bett sollte an der Wand verankert sein, und oben darf nur gekniet, nicht gelaufen werden. Fachleute empfehlen ein Hochbett zudem erst für Kinder ab sechs Jahren.
Im Wohnbereich können Glasmöbel zum Verhängnis werden. Die frisch geputzte Glastür wird übersehen – hier helfen bunte Sticker in Kinderaugenhöhe –, der scharfkantige Glastisch wird überrannt – Eckenschutz und Splitterschutzfolie verhindern das Schlimmste.

Ein Fenster mit Aussicht oder ein gemütlicher Balkon: Mit kleinen Kindern bergen sie Risiken Zum Glück lassen sich Fensterriegel einfach nachrüsten, oder Sie montieren abschließbare Griffe – das geht unkompliziert und ohne Fachwissen. Auch wenn Sie nur kurz lüften, sollte kein Kind unbeaufsichtigt in der Nähe eines offenen Fensters bleiben. Auf dem Balkon könnten Stühle oder Pflanzkübel nahe des Geländers zu Kletter-abenteuern verleiten, auch hier ist Umräumen angesagt, solange Kinder im kritischen Alter im Haus sind.

Risiken in Küche und Co.

Zu den Klassikern der Kindersicherungen gehört der Steckdosenschutz – Außendose auf der Terrasse nicht vergessen. Wer Elektrogeräten wie Wasserkocher und Toaster gleich nach Gebrauch den Stecker zieht und sie wieder wegstellt, vermeidet Fallstricke und fantasievolle Nutzungsideen. Auch die geöffneten Türen von Waschmaschine oder Spülmaschine können neugierige Kinder zu Entdeckungstouren verleiten, daher besser immer geschlossen halten. Bei Räumen mit viel Risiko, etwa dem Arbeitszimmer, ist es oft einfacher, den Zutritt durch ein Türgitter zu sichern.

Um Verbrennungen und Verbrühungen am Herd zu vermeiden, kochen Sie am besten nur auf den hinteren Herdplatten und drehen Pfannenstiele nach hinten. Vorsicht auch, falls die Backofentür heiß wird: Die Reaktionszeit bei Kindern ist verlangsamt, sie können ihre Hand nicht so schnell von der heißen Oberfläche zurückziehen.

Im Bad lässt sich durch einen Heißwasserregler die maximale Temperatur drosseln, und ohne Tischdecke kann auch keine heiße Teekanne vom Tisch gezogen werden. Apropos Tee: Selbst wenn es vielleicht schwerfällt: Trinken Sie keine heißen Getränke mit Kind auf dem Schoß!

Kleine Krabbler klauben zielsicher Kleinteile vom Fußboden auf, und schnell wandert auch Ungenießbares in ihren Mund – Verschlucken und Atemnot drohen. Besonders gefährlich im Körperinneren sind Magnete und Knopfbatterien; in diesem Fall braucht es sofort ärztliche Hilfe.

Gleiches gilt für die Vergiftung durch Zigarettenkippen – der Verzehr einer einzigen Zigarette kann lebensbedrohend sein, und in einer Kippe ist die Schadstoffkonzentration besonders hoch.

Vergiftungen drohen auch durch Medikamente, Haushaltsreiniger sowie ätherische Öle. Tabletten & Co. sind in einem abschließbaren Arzneischrank gut aufgehoben, und Putzmittel und ähnliche Flüssigkeiten können in den Oberschrank umziehen, solange Kleinkinder die Küche unsicher machen.

Um Risiken im häuslichen Umfeld zu erkennen, hilft ein einfacher Perspektivwechsel. Krabbeln Sie gemeinsam mit Ihrem Kind durch die Wohnung – auf Augenhöhe des Kindes entdecken Sie vielleicht noch die eine oder andere Gefahrenquelle.

Den Garten kindersicher machen

Einige Gartenpflanzen sind leider nicht nur schön, sondern auch giftig, zum Beispiel Eibe, Seidelbast, Tollkirsche, Pfaffenhütchen, Goldregen oder Herbstzeitlose. Besonders gefährlich sind sie, wenn sie attraktive Früchte haben, die an Essbares erinnern oder verwechselt werden können. Eine Bestimmungs-App hilft, die giftigen Kandidaten zu identifizieren und zu entfernen oder abzusperren. Kinder sollten außerdem früh lernen, dass sie keine Pflanzen und Beeren in den Mund nehmen dürfen.
Wasser ist ein weiteres Risiko im Garten – und das muss gar nicht der große Pool sein. Kinder bis etwa 15 Monate können bereits in Wassertiefen von zehn Zentimetern ertrinken, wenn sie mit dem Gesicht hineinfallen. Das heißt: Kleine Kinder nicht allein am Wasser lassen, Regentonnen & Co. absichern – und den Nachwuchs ab vier Jahre zum Schwimmkurs anmelden.

Geschützter Raum zum Ausprobieren

Trotz aller Risiken: Wir dürfen unsere Kinder nicht in Watte packen, sie müssen sich austesten. Eingreifen sollten wir nur, wenn es gefährlich wird. Gemeinsam am Küchentisch ausprobieren, dass eine Nadel spitz und eine Kerzenflamme heiß ist, das bleibt besser im Gedächtnis als ein pauschales Verbot. Im Umgang mit Werkzeug helfen Regeln, die von Anfang an und für alle gelten: Wir rennen nicht damit herum, wir tragen Scharfkantiges mit der Spitze nach unten und nehmen die Schere mit zusammengeschlossenen Klingen in die Faust.

Und auch im Kontext Unfallverhütung gilt mal wieder: Es ist so wichtig, dass sich Kinder viel bewegen, dass sie rennen, klettern, balancieren – auch wenn es dabei mal blaue Flecke oder aufgeschlagene Knie gibt. Denn nur so können sie ein gutes Körpergefühl entwickeln und lernen, Risiken selber einzuschätzen. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, ihnen dies zu ermöglichen und den geschützten Raum dazu zu schaffen. Ein Zuhause, bei dem die Gefahrenquellen mit Umsicht entschärft sind, ist genau das.

Gut zu wissen

Hilfe bei Vergiftungen: Giftinformationszentrum Mainz,

Notruf: 0 61 31 / 192 40.

Tipp für die Hausapotheke: Entschäumer (Simeticon), falls Tenside verschluckt wurden, und Aktivkohle, die Giftstoffe binden kann.

Zahnrettungsbox: Ausgeschlagene Zähne können in der Nährlösung sicher zum Zahnarzt transportiert werden.

Ein Erste-Hilfe-Kurs für Kinder-Notfälle gibt Sicherheit für den Ernstfall. Angebote gibt es etwa bei Rettungsdiensten wie den Johannitern, von der Familienbildung Darmstadt oder bei der Elternschule im Alice-Hospital Darmstadt.