Ein Beitrag von Anke Hèlene
Ziel war von Anfang an, queeren Menschen ein Gesicht zu geben und durch Aufklärung homo- und trans*feindlicher Diskriminierung entgegenzuwirken. ”vielbunt” ist in erster Linie ehrenamtlich organisiert und versteht sich als Plattform zur Umsetzung queerer Ideen. Und Ideen, Gruppen und Angebote gibt es viele!
Queeres Zentrum: Der Treffpunkt für queere Menschen und ihre Projekte
Im Mai 2017 wurde das Queere Zentrum in den Räumen der Oetinger Villa eröffnet und ist in Darmstadt eine zentrale Anlaufstelle für queere Menschen, die sich vernetzen und engagieren möchten oder auf der Suche nach Rat und Unterstützung sind, geworden. Für Jugendliche sind der offene queere Jugendtreff und die verschiedenen Jugendgruppen, die das hauptamtliche pädagogische Team der villaQ anbietet, die ersten Anlaufstellen, wenn es Fragen zu sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität gibt oder einfach nur den Wunsch, andere Menschen im gleichen Alter kennenzulernen und sich auszutauschen. Chris Berger ist als pädagogische Fachkraft seit 2019 mit dabei, unterstützt wird er von seiner Kollegin Paula Hille. Neben dem hauptamtlichen Angebot gibt es zudem ehrenamtliche Initiativen von Jugendlichen für Jugendliche. Organisiert vom Jugendvorstand des Vereins, trifft sich die Vereinsjugend regelmäßig bei Veranstaltungen wie Koch- und Spieleabenden oder lädt zu Ausflügen ein.
Offene Türen für queere Jugendliche
Mit der Pubertät kommen viele Herausforderungen auf Kinder und Eltern zu – die sexuelle Orientierung kann dazu gehören, ebenso wie sich nicht passend anfühlende Geschlechterrollen. Aber nicht nur beim Thema Transidentität können sich Eltern an vielbunt wenden, auch bei allen Fragen rund ums (mögliche) Coming-out ihrer Kinder. Gleiches gilt natürlich für die Jugendlichen: Die Türen des offenen Jugendtreffs stehen fünfmal die Woche allen queeren Jugendlichen und jungen Menschen zwischen 14 und 27 offen. Die offene queere Jugendarbeit richtet sich an alle jungen, queeren Menschen, egal, ob bisexuell, lesbisch, schwul oder trans*, und an alle, die sich noch nicht sicher sind. In den Räumen der Oetinger Villa können Jugendliche neue Leute kennenlernen und sich mit ihnen über Erfahrungen austauschen, gemeinsam Spiele spielen und sich vernetzen.
Leider haben viele queere Jugendliche schlechte Erfahrungen im Alltag gemacht oder Diskriminierung, Ausgrenzung, Mobbing und Gewalt in der Schule oder im Elternhaus erlebt. In der „villaQ“ können sie eine neue Verbundenheit erleben und Chris und Paula stehen ihnen bei allen Fragen und bei Redebedarf zur Seite. „Eine von unseren Hauptaufgaben ist es, Jugendliche so zu stärken und so zu unterstützen, dass sie mit der Zeit ohne unser Angebot im Alltag zurechtkommen“, erklärt Chris. „Dass sie Sicherheit in sich selbst finden, im Alltag gut durchkommen und das Angebot hier nutzen, weil sie gerne hier sind, wie sie auch in einen anderen Jugendtreff gehen würden.“
Gefühle ernst nehmen statt wegwischen
„Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass das Coming-out ihrer Kinder meist ein jahrelanger Prozess ist, der ganz individuell ist und oft geprägt ist von Unsicherheiten und eigenen Ängsten. Ein Coming-out ist immer anders und auch im Laufe des Lebens noch häufig notwendig“, so Chris. „In den Prozess sind die Eltern vielleicht gar nicht involviert, die Kinder oder Jugendlichen machen ganz viel mit sich selbst aus, da können sich wahnsinnig viele Unsicherheiten und Ängste aufbauen. Es ist wichtig zu wissen, dass queere Jugendliche nach wie vor ein sehr hohes Risiko haben, an Komorbiditäten zu erkranken. Das sind Begleitstörungen – das liegt nicht daran, dass das Kind queer ist, es liegt daran, dass viele Kinder und Jugendliche vor und während des Coming-outs unsicher sind und Angst haben oder danach Diskriminierung oder Gewalterfahrungen aufgrund der queeren Identität erleben. Beispiele hierfür sind sozialer Rückzug, Depressionen und Angst.“ Umso wichtiger ist es für Eltern, ihre Kinder gut zu unterstützen, andere Lebensweisen zu akzeptieren, ihrem Kind zuzuhören, ihr Kind mit seinen Gefühlen ernst zu nehmen und es wissen zu lassen, dass es immer geliebt wird. „Das würde ich allen Eltern ans Herz legen“, erläutert Chris. „Es ist wichtig, die Kinder ernst zu nehmen. Jugendliche berichten uns häufig davon, dass die Eltern das wegwischen, sagen, es sei nur eine Phase.“
Eltern wüssten im ersten Moment oft nicht, wie sie mit dem Coming-out ihrer Kinder umgehen und darauf reagieren sollten, so Chris, und das sei verständlich und in Ordnung. „Das Einfachste, was man machen kann, ist, dass man in der Situation sagt: „Danke, dass du dich mir anvertraut hast. Ich bin für dich da, das weißt du. Gib mir nur einen Moment, um das aufzunehmen.“
Im Jugendtreff drehen sich die Gespräche mit Chris und Paula oftmals um die Kommunikation mit den Eltern, und die Pädagogin und der Pädagoge unterstützen gerne. „Wir schauen immer, wie wir die Eltern mit ins Boot bekommen, denn wir arbeiten ja nicht gegen die Eltern, das wäre kontraproduktiv“, erklärt Chris. „Unser Ziel ist es, dass ein gutes Gespräch zwischen Eltern und Kindern stattfinden kann, dass manche Spannungen aufgehoben werden und dass es wieder ein gemeinsames Miteinander gibt.“
vielbunt in der Schule
Bei vielbunten Projekten steht der Austausch zwischen Community und Öffentlichkeit im Fokus, denn fehlende Begegnung erzeugt Fremdheit. Und diese ist Boden für Ängste, Ablehnung und Diskriminierung. Deshalb gibt es auch Angebote für Schulklassen. SCHLAU ist ein bundesweites Bildungs- und Antidiskriminierungsprojekt, das zum Ziel hat, mit Jugendlichen über sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten ins Gespräch zu kommen, zu sensibilisieren und Wissen zu vermitteln.
Die Workshops mit ehrenamtlichen Teamenden aus der queeren Community finden ohne Lehrkräfte statt, damit die Jugendlichen sich trauen, sich freier zu äußern. Die Mitglieder des Teams erzählen Teile ihrer persönlichen Biografie in einer offenen Gesprächsrunde und sie versuchen, das Blickfeld der Teilnehmenden für andere Lebenswirklichkeiten zu öffnen, um dadurch mögliche Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Die Erfahrung des Vereins zeigt, dass die Jugendlichen gerade den persönlichen Bezug und die direkte Begegnung mit queeren Menschen positiv rückmelden. „Es ist anders, wenn eine Lehrkraft über ein Thema spricht oder tatsächlich queere Personen selbst“, so Chris.
Buchtipps
„Florian“, J. R. Ford und Vanessa Ford, Zuckersüß Verlag
Seit er denken kann, weiß Florian, dass er im Herzen und im Kopf ein Junge ist. Als er endlich den Mut findet, darüber seinen Eltern und Großeltern zu erzählen, reagieren sie voller Verständnis und Unterstützung. Auf einmal ändert sich alles und Florians Selbstbewusstsein blüht auf. Trans-Kinder stärken und schützen: Ein Mutmacherbuch für Kinder, Eltern und Erziehende.
„Der Katze ist es ganz egal“, Franz Orghandl, Klett Kinderbuch
Leo hat einen schönen neuen Namen: Jennifer. Nur die Erwachsenen kapieren es erst mal nicht und glauben immer noch, sie sollte weiterhin Leo sein, ein Bub. Dabei müssten sie sich nur ein Beispiel an der Katze nehmen. Die interessiert das alles gar nicht. Und so nehmen Jennifer und ihre Freunde die Angelegenheit eben selbst in die Hand.
„Körper sind toll“, Tyler Feder, Zuckersüß Verlag
Das Bilderbuch zeigt auf vergnügliche Weise, wie individuell und schön jede Figur und jedes Körperteil ist. Die gereimten Botschaften und die liebevollen Illustrationen bieten viele Gesprächsanlässe, um mit Kindergartenkindern über Körperwahrnehmung zu reden. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und hilft, sich und andere Menschen so anzunehmen, wie sie sind.
Für Jugendliche:
„Heartstopper“, Graphic Novel zur Netflix-Verfilmung von Alice Oseman
Dass Charlie schwul ist, weiß die ganze Schule. Nick, der Star der Rugbymannschaft, muss straight sein, glaubt Charlie. Aber dann entwickelt sich eine intensive Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Jungen. Charlie weiß sofort, dass er in Nick verknallt ist. Nick braucht ein bisschen länger, bis ihm klar wird, dass er Jungen genauso toll findet wie Mädchen – besonders Charlie.
Für Eltern:
„Queere Kinder. Eine Orientierungshilfe für Familien von LGBTQIA+ -Kindern und -Jugendlichen“, Verena Carl und Christiane Kolb, Beltz Verlag
Die Autorinnen bieten umfassende Informationen zur Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten und dazu, wie es gelingt, in der Familie einen offenen, zugewandten Umgang zu finden. Mit Interviews, Übungen und Leitfäden.
Tipp von Chris von vielbunt: „Grundsätzlich würde ich immer empfehlen, dass sich Eltern auch ein bisschen hineinlesen, damit sie wissen, was darin vorkommt. Es kommen sicher ein paar Fragen von den Kindern, und da ist es gut, schon ein paar Antworten parat zu haben.“
villaQ – Queere Jugendarbeit Darmstadt
Die Türen des offenen Jugendtreffs stehen allen queeren Jugendlichen und jungen Menschen zwischen 14 und 27 Jahren fünf Tage die Woche offen. Genaue Öffnungszeiten sowie Informationen zu den regelmäßigen Angeboten:
https://www.vielbunt.org/queeres-zentrum-darmstadt/oeffnungszeiten-queeres-zentrum/
Es gibt von vielbunt eine große Anzahl von Aktivitäten und Arbeitsgruppen. Einen Überblick sowie Möglichkeiten zum Mitmachen und Unterstützen gibt es auf der Webseite:
https://www.vielbunt.org
Kontakt
vielbunt e. V.
Kranichsteiner Straße 81
64289 Darmstadt
Email: info@vielbunt.org
Telefon: 06151 9715632





