Ein Beitrag von Thea Wittmann und Sandra Russo

Eltern ermutigen

Leon lümmelt auf dem Sessel, vertieft in sein Smartphone, eine Chipstüte im Arm. Um ihn herum liegen Klamotten auf dem Boden, Schulsachen, Krempel. „Schluss für heute“, sage ich. „Räum mal lieber dein Zimmer auf. Mein Sohn reagiert nicht.

„Legst du das Handy jetzt bitte weg?“ Ich spreche sehr deutlich. Nach zwei weiteren Aufforderungen endlich eine Antwort: „Lass mich in Ruhe. Ich chatte gerade.“

Was nun? Herumbrüllen, wenn gutes Zureden nicht hilft? Eine Belohnung in Aussicht stellen, wenn er das tut, was ich will? Strafen androhen? Ein „Soforthilfe“-Button wäre jetzt toll, den wir – wie am PC – in kniffligen Situation aufrufen können und der uns dann Schritt für Schritt sagt, was zu tun ist.

Wenn Eltern mit ihrem Latein am Ende sind, rutscht manchen auch mal die Hand aus. Etwa 10 bis 15 Prozent der Eltern wenden „schwerwiegende und relativ häufige Körperstrafen“ bei ihren Kindern an, sagt die polizeiliche Kriminalprävention von Bund und Ländern. Und das betrifft Mütter wie Väter, in allen Gesellschaftsschichten. Aber es gibt nicht nur körperliche Gewalt in Familien. Wer überfordert und gestresst ist, kann auch mit Worten demütigen und verletzen.

Unterstützung annehmen, ist ein sehr guter Weg

„Ich bin sicher, dass alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen. Dass sie gesund aufwachsen, glücklich, selbstständig, liebenswert und selbstbewusst werden“, sagt Barbara Akdeniz, Sozialdezernentin der Stadt Darmstadt. „Diesem Wunsch stehen jedoch oft Unsicherheit und/oder Lebensbedingungen gegenüber, die das Handeln prägen. Gesellschaftliche Erwartungen oder auch Zwänge wie „gute Eltern sein sollen“ und damit gegebenenfalls verbundene Schuldgefühle machen den familiären Alltag und die Erziehungsverantwortung nicht leichter. Aber Eltern müssen nicht alles alleine bewältigen, es gibt Hilfe von Profis: Unterstützung anzunehmen ist ein sehr guter Weg, um die aktuelle Lebenslage zu besprechen und zu reflektieren. „Es gibt zahlreiche Beratungsstellen, an die sich Eltern aber auch die Kinder oder die Familie gemeinsam wenden können. Dort können Veränderungsprozesse begleitet werden, die der ganzen Familie nutzen“, so die Darmstädter Sozialdezernentin weiter.

Nicht alles müssen Eltern alleine bewältigen. Es gibt Hilfe vom Profi: Beratungsstellen, an die sich Eltern wie Kinder oder alle gemeinsam wenden können. Wer sich selbst hinterfragt, wie er mit seinen Kindern umgeht, kann das Familienleben verändern.

Hilfe im Notfall: Beratungsstellen

Oft reicht schon eine neutrale Person, die den Konflikt von außen betrachtet. In Darmstadt ist die erste Anlaufstelle bei aufkommenden Fragen im Bereich erzieherischer Themen der Städtische Sozialdienst im Jugendamt.

Sowohl die sorgeberechtigen Personen, als auch Kinder und Jugendliche können ihre Anliegen bei den Fachkräften des Städtischen Sozialdienstes platzieren und erhalten hierzu entsprechende Begleitung. Das multiprofessionelle Team der (Erziehungs-) Beratungsstelle berät kostenfrei.

Gründe, sich beraten zu lassen, gibt es viele: Wenn sich Eltern in ihren Erziehungsvorstellungen nicht einig sind und sich gegenseitig das Leben schwer machen, wenn Kinder in der Schule negativ auffallen oder nicht mehr mitkommen, wenn sich Kinder verzögert entwickeln, Sprachstörungen oder Kontaktschwierigkeiten haben, wenn sich Teenager in der Pubertät von der Familie abnabeln und es immer wieder Krach gibt, wenn es in der Partnerschaft kriselt oder nach einer Trennung um die Kinder gekämpft wird.

Ziel ist es, Familiensysteme zu stärken

Der Fachdienst „Kinder schützen – Familien fördern“ ist im Bereich der Frühen Hilfen tätig. Es gibt Hausbesuche in Familien mit neugeborenen Kindern, um auf mögliche Unterstützungsangebote der Stadt Darmstadt aufmerksam zu machen. Schnelle und unbürokratische Hilfen für Kinder unter einem Jahr sind hierbei der Schwerpunkt. Ziel ist es, Familiensysteme zu stärken und eine möglichst frühe Anbindung an entsprechende Angebote umzusetzen.

Es gibt das Netzwerk Frühe Hilfen in Darmstadt, das von Sylke Israel koordiniert wird. Die verschiedenen Akteure der Frühen Hilfen aus der Kinder- und Jugendhilfe sowie dem Gesundheitswesen arbeiten abgestimmt daran, die frühzeitige Unterstützung von werdenden Eltern und Eltern mit jungen Kindern zu verbessern. Die niedrigschwelligen und kostenfreien Angebote der Familienbildung des Familienzentrums sind auch als Frühe Hilfen anzusehen, dies gilt insbesondere für den Treff für Schwangere, Baby-Treff, die Stillsprechstunde und Baby- und Kleinkindberatung.

Schnelle Hilfen bei der Stadt Darmstadt

Der Städtische Sozialdienst hat feste Sprechstunden, zu denen sich jeder anmelden kann. Bei einem ersten Termin erkundet die Beraterin oder der Berater, wo das Problem liegt. Gemeinsam wird sie oder er einen Weg suchen, das Probleme zu bewältigen: Vielleicht ist eine psychologische Untersuchung des Kindes sinnvoll, eine Therapie, ein spezielles pädagogisches Angebot, eine Gruppe für Trennungskinder. Das Servicebüro kümmert sich um die richtige Ansprechperson und vermittelt weiter. Außerhalb von Krisen wird im Rahmen einer gemeinsamen Terminabsprache gearbeitet, damit die Fachkräfte ein entsprechendes Zeitfenster und ein geeignetes Setting vorbereiten, um mit den Menschen in einer positiven und angemessenen Atmosphäre die Anliegen und Themen in Ruhe aufzunehmen. In Krisen oder Kinderschutzfällen ist das Servicebüro montags bis donnerstags von 8 Uhr bis 15:30 Uhr erreichbar. Tagsüber werden Krisen und Kinderschutzfälle über den Bereitschaftsdienst bearbeitet. Die Arbeit des Städtischen Sozialdienstes orientiert sich an den individuellen Themen und Bedarfen der Menschen, die sich dorthin wenden. Daher erfolgt die Terminvergabe nicht nach Eingangszeit, sondern nach Inhalt.

Die spezialisierten Beratungsstellen der Caritas und Diakonie, pro familia, Deutscher Kinderschutzbund, Ehe-, Familien- und Lebensberatung e. V. (siehe Seite 32) bieten zentral und zum Teil auch dezentral Beratung und Unterstützung an.

Zudem bieten hessisch geförderte Familienzentren in den Stadtteilen Arheilgen (Arheilger Strolche; Muckerhaus), Kranichstein (Menschenskinder e. V.), Martinsviertel (AWO e. V.; SKA e. V.), Bessungen (Nachbarschaftsheim e.V.), Waldkolonie (AWO; SKA e. V.), Eberstadt (Gemeinsam stark in Eberstadt) und für russisch sprechende Familien (GinCo e. V.) diverse Unterstützungsleistungen an. Im Johannesviertel können zudem Angebote wahrgenommen werden (Mehrgenerationenhaus e. V.).

Interview mit Heike Claassen

Heike Claassen lebt und
arbeitet als Familientherapeutin,
Paar- und Sexualtherapeutin,
Elterncoach, Supervisorin
und Naturcoach in Lorsch.

Gemeinsam mit ihrem Mann bilden sie eine Bonusfamilie mit vier inzwischen erwachsenen Kindern. Die Natur ist ihr Kraftort – ob beim Wandern oder auf dem Mountainbike. Mit ihrem Mann genießt sie die gemeinsame Zeit beim Tanzen und auf Reisen. Als Elterncoach begleitet Heike Claassen Eltern und Familien dabei, ihren ganz eigenen Weg zu finden.

Kinder zu erziehen, ist eine Aufgabe, die man nicht in der Schule lernt. Was empfehlen Sie, wie sich junge Paare gut auf die neue Familiensituation vorbereiten können.

In meinem Elterncoaching empfehle ich Paaren, schon vor der Geburt offen über Erwartungen, Werte und Rollen zu sprechen. Kleine Rituale, gemeinsame Auszeiten (die nach der Geburt des Kind noch an Bedeutung gewinnen) und zugewandte Gespräche stärken die Beziehung. So finden werdende Eltern ihren eigenen Weg, bauen Vertrauen in ihre Kompetenzen auf – statt sich unter Druck zu setzen, alles perfekt machen zu müssen.

Was raten Sie Eltern, einen eigenen Erziehungsstil zu finden – ganz fern von der Flut an Influencern.

Eltern dürfen und müssen ihren eigenen Stil entwickeln. Indem sie auf ihr Bauchgefühl hören, beobachten, was für ihre Kinder im Alltag funktioniert, werden sie immer mehr zu Experten für ihren Nachwuchs. Trends und Tipps können inspirieren, entscheidend ist aber sich selbst treu zu bleiben. Fehler gehören dazu – sie bieten die Chance zu wachsen und die Beziehung zu stärken.
Es gibt viele Angebote für (werdende) Eltern, sich mit Erziehung auseinanderzusetzen.

Welche Angebote können Sie empfehlen?

Eltern können von Vorträgen, Workshops oder auch Online-Angeboten profitieren, die erprobte und praxistaugliche Tipps vermitteln und Austausch mit Gleichgesinnten bieten. Auch Einzel- oder Paarberatung hilft dabei, den eigenen Blickwinkel zu erweitern und familiäre Ressourcen zu stärken. Wichtig ist es, Angebote auszuwählen, die Wertschätzung, lösungsorientiertes Denken und realistische, individuelle Wege in den Vordergrund stellen.

Ab wann ist es Ihrer Meinung nach angebracht, eine Beratungsstelle aufzusuchen?

Eltern sollten sich Unterstützung holen, sobald sie merken, dass der Familienalltag herausfordernd wird oder Konflikte anhalten. Beratung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Fürsorge – für sich selbst und fürs Kind. Sie hilft, neue Perspektiven zu finden, Spannungen zu lösen und die Beziehung zu stärken – damit Kinder in einem liebevollen, stabilen Umfeld aufwachsen können. Das gilt für die Beratung zu Erziehungsfragen ebenso wie für die Beratung von Eltern bei Paarproblemen. Auch diese wollen zum Wohle des Kindes gelöst werden.

Hier geht es zur Homepage von Heike Claassen

Der Soziale Dienst für den Landkreis Darmstadt-Dieburg ist ähnlich aufgestellt wie bei der Stadt Darmstadt. Auch hier bietet der Soziale Dienst des Jugendamtes Beratung bei Erziehungs- und Partnerschaftskonflikten an. Das gilt auch für Situationen, in denen Familien oft nicht weiterwissen. Der Soziale Dienst ist im Jugendamt angesiedelt und besteht aus fünf Teams (Nordwest, Süd, Ost, Mitte und Südwest) mit jeweils acht bis zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Kindern und Jugendlichen in akuten Notsituationen wird versucht sofort zu helfen. Er ist allerdings nur für Extremfälle gedacht. Im Regelfall sind die Erziehungsberatungsstellen der richtige Anlaufpunkt für Familien mit Beratungsbedarf. „Wir legen viel Wert auf eine umfassende Hilfestellung und haben deshalb im Landkreis eine ganze Reihe von Beratungsangeboten, je nachdem, in welcher Situation sich die Familie gerade befindet. Mit diesen Angeboten können wir die Familien durch alle Lebenslagen begleiten, wenn gewünscht. Das reicht von Beratungen für Schwangere oder dem Kinderwunschzentrum, für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, dem Mehrgenerationenhaus in Groß-Zimmern, den Familienzentren, der Frühberatungen und natürlich unseren Erziehungsberatungsstellen für Eltern, aber auch für Kinder und Jugendliche. Hier gibt es offene Gesprächsgruppen, Veranstaltungen und auch Krisengespräche sind möglich. Wir haben einen Familienwegweiser erstellt, der zudem über Betreuungsangebote, Schulen, aber auch ärztliche Betreuung in allen Facetten und Leben mit Behinderung und Krankheit informiert. Zudem gibt der Familienwegweiser auch einen Überblick über Hilfsangebote in Notlagen und Krisen sowie mögliche finanzielle Hilfen für Familien. Es gibt auch Beratungsangebot für den Fall, dass eine Familie auseinandergeht, etwa bei Scheidung“ sagt Sozialdezernentin Christel Sprößler. Feste Sprechstunden gibt es nicht, Termine müssen vereinbart werden. Eltern, Jugendliche und Kinder sowie alle, die Erziehungsarbeit leisten, erhalten klassischerweise in den „Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche“ – so die offizielle Bezeichnung der Erziehungsberatungsstellen – Hilfe. Hier gibt es Hilfe zu Erziehungs- und Familienfragen, Konflikten und Enttäuschungen im Zusammenleben, Hilflosigkeit im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Sorgen wegen Kindergarten, Schule oder Arbeitsplatz, Auffälligkeiten in der Entwicklung der Kinder, psychosomatische Störungen bei Kindern oder Jugendlichen, Trennung, Scheidung oder neuer Partnerschaft. Die Beratung ist auch im Landkreis kostenfrei.

Der Kinderschutzbund bietet ebenso Beratung für hilfesuchende Eltern und Kinder an. Denn Gefühle von Hilflosigkeit, Überreaktionen und drohende Gewalthandlungen gegen Kinder können bereits durch den Telefonkontakt aufgefangen und unterbrochen werden. Eltern erhalten Entlastung und Unterstützung bei der Entwicklung alternativer Lösungswege in der aktuellen Krisensituation.

Auch Angehörige, Nachbarn, Lehrer, Erzieher oder sonstige Bezugspersonen von Kindern können dieses Beratungsangebot in Anspruch nehmen. Die Inanspruchnahme des Hilfeangebotes ist auf Wunsch anonym. Betroffene haben die Möglichkeit, sich zunächst in einem vertraulichen Rahmen auszusprechen und können sich darauf verlassen, in ihrer Not angenommen und ernstgenommen zu werden und verständnisvolle Gesprächspartner zu finden

Die Beratungsstelle des Darmstädter Kinderschutzbundes in der Holzhofallee 15 ist offen für alle Kinder, Jugendlichen und Eltern sowie für alle, die mit Kindern leben, arbeiten oder sich für Kinder verantwortlich fühlen. Hier stehen Gewaltprävention, Hilfen zur gewaltfreien Erziehung, Krisen- und Konfliktberatung sowie Beratung bei körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt an Kindern im Mittelpunkt.

Das Angebot ist niedrigschwellig, das heißt, jeder, der Hilfe braucht, kann anrufen oder einen persönlichen Gesprächstermin vereinbaren.
Erziehungsberatung ist freiwillig, keiner muss, jeder kann. Die einzige Bedingung: Die Ratsuchenden müssen bereit sein, an einer Lösung mitzuarbeiten. Anspruch auf Erziehungsberatung hat jeder, das ist im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert. Die Gespräche und die therapeutischen Angebote sind für die Ratsuchenden kostenlos. Die Berater/innen unterliegen der Schweigepflicht, das bedeutet, was hier besprochen wird, bleibt vertraulich.

Erziehungskompetenz stärken:
Elternkurse

Elternkurse leiten dazu an, das eigene Erziehungsverhalten zu überprüfen und sich für schwierige Situationen konkrete „Anleitungen“ zu holen. Die Prinzipien der Kurse ähneln sich, denn es gibt allgemein gültige, wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über Pädagogik. Allen Kursen gemeinsam sind zwei Aspekte: Eltern erfahren, wie sie liebevoll, zugewandt und unterstützend auf ihre Kinder eingehen können. Und sie werden in ihrer Rolle als Erziehende gestärkt und lernen, zu lenken und soziale Regeln zu vermitteln, ohne die Kinder körperlich oder seelisch zu verletzen.
Die Familienbildung etwa bietet viele Kurse und Treffs sowie Beratung für (werdende) Eltern an. Hier sind insbesondere die Geburtsvorbereitung, Bewegungskurse für Schwangere, Säuglingspflege, Rückbildungskurse und thematischen Elternkurse zu nennen. Der Preis (Kursentgelt) orientiert sich an der Anzahl der Teilnehmenden.

Im Familienwegweiser des Landkreises Darmstadt-Dieburg gibt es unter den Rubriken „Familienplanung und Schwangerschaft“ und „Beratung für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern“ zahlreiche Angebote für hilfesuchende Eltern und Kinder. In Vereinen und auch an der Volkshochschule werden ebenso Kurse angeboten. Keiner muss mit seinen Sorgen alleine bleiben.

Welcher Kurs und welches Angebot zu wem passt, ist individuelle unterschiedlich. Die Kurse müssen in der Regel selbst finanziert werden.

Interview mit Dr. Jan-Uwe Rogge

Dr. Jan-Uwe Rogge ist Familien- und
Kommunikationsberater und Autor
zahlreicher Bücher zum Thema Familie und Erziehung. Regelmäßig hält er Vorträge
und ist als Experte zu Erziehungsfragen
Gast im Radio und Fernsehen.

Worauf soll Erziehung unsere Kinder vorbereiten?

„Auf nichts“, sagt Jan-Uwe Rogge. „Erziehung soll begleiten, nicht auf Leben vorbereiten. Das ist doch schon das Leben.“

Um Kinder zu erziehen, brauchen Eltern kein Diplom und keinen Führerschein. Aber welche Voraussetzungen brauchen Eltern?

Erziehung ist Vorbild und Liebe. Eltern sollen Haltepunkt und Reibebaum sein. Ein Modell, an dem sich Kinder orientieren und messen, mit dem sie sich auseinandersetzen können. Liebe heißt vor allem Selbstliebe, das heißt „Ich nehme mich so an, wie ich bin“. Auch meine blinden Flecken und Schwächen. Nur dann kann ich auch mein Kind so annehmen, wie es ist, ohne es besser machen zu wollen.

In den Erziehungsstilen gibt es Moden, z. B. den antiautoritären Stil in den 70ern. Was ist heute die Basis?

Erziehen hat nichts mit „ziehen“ zu tun. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagt ein ostasiatisches Sprichwort. Wir schauen also dem Grashalm beim Wachsen zu. Wir begleiten unsere Kinder. Dem Begriff „Erziehung“ ist ja das Wort „Beziehung“ sehr nah. Beziehung und Begleitung, das sind die Basics. Wenn ich eine Technik anwende, ein Rezept abspule, dann ist das seelenlos.

Es gibt zahlreiche Elternkurse. Was halten Sie von dieser Art des Trainings?

Erziehungskurse auf Basis eines individualpsychologischen Konsens sind sinnvoll. Davon gibt es einige, etwa das Programm „Starke
Eltern – Starke Kinder®“, das vom Deutschen Kinderschutzbund entwickelt wurde.

Aber darüber hinaus gibt es ganz viele niedrigschwellige Angebote: Gesprächskurse, Gruppen in Familienbildungsstätten oder Vorträge an Volkshochschulen. Wichtig ist vor allem, dass die Eltern als kompetente Partner angenommen, dass sie nicht von Besserwissern belehrt werden und dass das die Inhalte alltagspraktisch sind.

Das Leben mit Kindern ist manchmal anstrengend und nicht wenige Eltern fühlen sich – zumindest zweitweise – damit überfordert. Wann ist es Zeit, nicht nur Freunde um Rat zu fragen, sondern sich an eine Beratungsstelle zu wenden?

Wenn ich fühle: Ich habe mich verrannt, ich bin in einer Sackgasse, aus der ich allein nicht herauskomme, dann ist eine Beratung hilfreich. Freunde und Verwandte können zuhören, sie sind aber nicht dazu da, Rat zu geben. Ein Profi hört anders hin und gibt auf dieser Basis Tipps. Er kann dazu anregen, Stellschrauben anders zu justieren und so Dinge zu verändern.

Hier geht es zur Homepage von Dr. Jan-Uwe Rogge