Ein Beitrag von Anke Breitmaier
Kinder lesen auch heute noch gerne. Doch wie sie lesen, hat sich verändert. Ob Buch, Podcast oder digitaler Hörstift: Lesen lässt sich kaum noch auf eine Form festlegen. Büchereien sind weiterhin beliebt, Vorlesen gehört unbedingt dazu und Hörbücher in jeder Form sind eine wunderbare Alternative. In der digitalen Welt erweitern sich so die Wege, Geschichten zu entdecken.
Ina sitzt im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerteppich. Um sie herum liegen ihre Lieblingsbücher, besonders gerne mag sie Pferdegeschichten. Vorsichtig blättert sie eine Seite um. Ein großes, braunes Pferd galoppiert über eine Wiese, die Mähne weht im Wind. Ina hebt ihren orangefarbenen Stift und tippt auf das Bild.
„Pferde sind Fluchttiere und können sehr schnell laufen“, sagt eine Stimme. Leises Hufgetrappel erklingt, dann ein fröhliches Wiehern. Ina lächelt. Noch einmal tippt sie, diesmal auf das kleine Fohlen neben der Stute. „Süüüß“, ruft sie und wird ganz hibbelig.
Ina ist fünf Jahre alt. Sie hört gespannt zu, betrachtet dabei die bunten Bilder und und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Nur eines tut sie noch nicht: selbst lesen. Und trotzdem taucht sie ganz in die Welt der Pferde ein.
Geschichten kann man auch „erhören“
Denn der orangefarbene Stift ist ein digitaler Hörstift, der zu einem interaktiven Lernsystem gehört. Mit ihm können Kinder Bücher, Spiele oder Puzzles „zum Sprechen bringen“. Tippt man damit auf Bilder oder Texte, erkennt der Stift die Stelle und spielt passende Geräusche, Erklärungen oder ganze Geschichten ab.
Für Ina ist das kein Technikgerät. Für sie ist es einfach ein Buch, das mit ihr spricht. Ein Buch, das sie mitnimmt auf die Wiese, in den Stall und mitten hinein in ihre Pferdegeschichten.
Und genau darum geht es beim Lesen, oder besser gesagt beim Entdecken von Geschichten. Denn auch wenn sich vieles verändert hat, bleibt eines erstaunlich konstant: Kinder lieben Geschichten. Nur die Wege dorthin sind vielfältiger geworden.
Die neue wunderbare Welt der Geschichten
Tiptoi ist nur eines von vielen neuen, oft digitalen Leseformaten für Kinder. Einige haben mit dem klassischen Lesen und Büchern aus Papier nur noch wenig zu tun. Früher bedeutete Lesen vor allem eines: ein Buch, ein Kind, eine Kuschelecke. Heute kommen Geschichten aus Büchern, aus Lautsprechern, aus Hörstiften oder aus Podcasts. Sie werden vorgelesen, gehört, entdeckt, manchmal sogar angeklickt.
Kinder lassen sich abends vorlesen oder tauchen mit Hörbüchern in Fantasiewelten ein. Interaktive Bücher erzählen Inhalte auf Knopfdruck, mit dem E-Book-Reader kann man auch lesen. Und trotzdem greifen Kinder weiterhin zu klassischen Geschichten. Die Welt der Geschichten ist nämlich nicht kleiner, sie ist nur vielfältiger geworden.
Digital ist schlechter?
Ob sich das kindliche Gehirn durch digitales Lesen verändert, lässt sich nicht pauschal beantworten. Aber Studien zeigen: Die Art der Mediennutzung spielt eine Rolle.
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- So deuten Untersuchungen darauf hin, dass viel Bildschirmzeit mit Veränderungen in Gehirnstruktur und -funktion sowie mit schwächeren Sprach- und Denkleistungen zusammenhängen kann.
- Gleichzeitig zeigen andere Studien, dass Lesen am Bildschirm durchaus ähnlich effektiv sein kann wie auf Papier, vorausgesetzt, es ist konzentriert und pädagogisch sinnvoll gestaltet.
- Entscheidend ist also weniger das Medium selbst als die Nutzung: Vorlesen, gemeinsames Lesen und echte Interaktion bleiben wichtige „Gegengewichte“, die die Entwicklung des kindlichen Gehirns stärken können
Der überraschende Star: die Bücherei
Viele Kinder lieben Buchreihen, in denen sie Figuren bei vielen Abenteuern begleiten können. Besonders beliebt sind Reihen wie „Harry Potter“, „Gregs Tagebuch“, „Die Schule der magischen Tiere“, „Das magische Baumhaus“ oder „Die drei ??? Kids“. Auch Comics gewinnen zunehmend kleine Fans. Vor allem Kinder, die mit längeren Texten noch zu kämpfen haben, finden Gefallen an den Bilderwelten mit kurzen Texten.
Und noch etwas ist beliebt: die gute alte Bibliothek. Büchereien sind keine stillen Orte, an denen sich Leseratten zwischen verstaubten Regalen mit dicken Schmöckern vergraben. Heute sind sie für viele Familien Entdeckungsräume. Kinder stöbern dort zwischen Büchern, leihen Hörbücher aus oder besuchen Vorlesestunden. Manche Bibliotheken bieten sogar Gaming-Nachmittage oder Hörspielstationen an und stellen sich so auf die Bedürfnisse der jüngeren Leser ein.
Warum Lesen das Gehirn stärkt
Geschichten sind nicht nur Unterhaltung, sie sind auch ein wichtiges Training für das Gehirn. Wenn Kinder regelmäßig lesen oder Geschichten hören, wächst ihr Wortschatz. Sie lernen neue Begriffe, verstehen Zusammenhänge besser und entwickeln ein Gefühl für Sprache.
Auch die Fantasie wird angeregt. Beim Lesen entstehen nämlich Bilder im Kopf, die Vorstellungskraft wird geschult und das abstrakte Denken gefördert. Das alles ist wichtig dafür, dass Kinder Kreativität entwickeln können.
Außerdem fördert Lesen das Einfühlungsvermögen. Kinder lernen, sich in Figuren hineinzuversetzen, Gefühle zu verstehen und Per-
spektiven zu wechseln. Sie erleben aufregende Situationen mit, fühlen sich in andere ein und reisen mit in ferne Länder. All das hilft ihnen dabei, die Welt zu begreifen.
Kinder und Lesen – die wichtigsten Zahlen
Ob sich das kindliche Gehirn durch digitales Lesen verändert, lässt sich nicht pauschal beantworten. Aber Studien zeigen: Die Art der Mediennutzung spielt eine Rolle.
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- Rund 50 % der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren lesen mindestens einmal pro Woche ein Buch
- Etwa ein Drittel liest fast täglich
- Mehr als die Hälfte hört regelmäßig Hörbücher oder Hörspiele
- Bücher gehören damit weiterhin zu den beliebtesten Freizeitmedien
Quelle: KIM-Studie 2024 (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest)
Hörbücher – Einstieg statt Ersatz
Viele Eltern fragen sich, ob Hörbücher überhaupt als Lesen gelten. Viele Pädagogen sagen ganz klar: Ja, auf ihre eigene Weise. Hörgeschichten fördern das Sprachverständnis, regen die Fantasie an und schulen das Zuhören. Gerade für Kinder, die noch nicht sicher lesen, sind sie ein guter Einstieg in die Welt der Geschichten. Technik ersetzt das Lesen also nicht, sie eröffnet zusätzliche Wege.
Kleine Tricks für mehr Leselust
Kinder sind neugierig und lassen sich oft sehr leicht begeistern. Darum kann man ihre Leselust auch recht einfach fördern. Das Wichtigste ist zugleich das Einfachste: Vorlesen. Gemeinsame Leserituale vor dem Zubettgehen beispielsweise schaffen Nähe, erweitern den Wortschatz und bleiben für viele Kinder weit über die ersten Schuljahre hinaus etwas Besonderes.
Ebenso wirkungsvoll ist es, Bücher „sichtbar“ zu machen. Ein Regal im Kinderzimmer oder eine Bücherkiste im Wohnzimmer lädt zum Schmöckern ein und sorgt dafür, dass Kinder immer wieder wie von selbst zugreifen.
Und schließlich zeigt sich immer wieder, dass Interesse der beste Antrieb ist. Ob Pferde, Dinosaurier oder Einhörner – wenn Kinder in Themen eintauchen dürfen, die sie wirklich faszinieren, dann macht ihnen Lesen Freude.
Mädchen lesen anders – Jungen aber auch
Beim Lesen zeigen sich Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, weniger im Können als in der Motivation und im Zugang.
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- Viele Mädchen greifen häufiger zu Büchern, lesen regelmäßiger in ihrer Freizeit und erleben Lesen eher als etwas Positives.
- Jungen lesen dagegen oft seltener und eher zweckgebunden, etwa für die Schule, und wenden sich häufiger anderen Medien oder Themen zu
- Entsprechend schneiden Mädchen im Durchschnitt auch bei der Lesekompetenz etwas besser ab
Diese Unterschiede sind aber nicht festgelegt, sondern werden stark von Interessen, Vorbildern und Leseangeboten geprägt. Und die lassen sich positiv beeinflussen, etwa indem man Kindern Lesen nahebringt.
Quelle: IGLU-Studie, PISA-Studie, JIM-Studie 2025 (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest)
Jede Familie hat ihre eigene Les-Art
Die Mama sieht man nie ohne Buch, der Papa brüstet sich damit, dass er nur die Zeitung liest, und das auf seinem Smartphone. In manchen Familien steht im Wohnzimmer ein üppig gefülltes Bücherregal, bei anderen spielen Bücher keine Rolle.
Alles ist gut, so wie es ist. Denn jede Familie hat ihre eigene Art, Lesen zu praktizieren. Kinder schauen sich vieles von ihren Eltern oder Geschwistern ab. Wachsen sie mit Büchern auf, werfen auch sie selbstverständlicher einen Blick hinein. Und wenn der regelmäßige Büchereibesuch eine kleine Familientradition ist, lernen sie schon frühzeitig die Ausleihmöglichkeiten kennen. Aber auch das Umfeld spielt eine Rolle, manche Kinder entdecken erst später durch die Schule oder Freunde, wie viel Spaß es machen kann, in einer Geschichte zu versinken.

Egal wie Kinder mit Büchern in Berührung kommen, wichtig ist, dass sie es tun
Und jedes Kind findet seinen eigenen Zugang in die Welt der Bücher. Wichtig ist, dass Kinder überhaupt Lesen für sich entdecken können und erfahren, wie schön es sein kann, sich in aufregende Geschichten zu vertiefen. Übrigens gehört dazu manchmal auch, dass sie Langeweile haben. Gibt es mal nichts zu tun, kann ein Buch die spannende Rettung sein. Oder eben auch ein Hörbuch.
Entscheidend ist nicht, wie Kinder lesen, sondern dass sie sich mit Sprache, mit Geschichten und mit Neuem beschäftigen. Und auch in digitalen Zeiten gilt: Wer erfahren hat, wie faszinierend Geschichten sein können, hört nie wirklich auf zu lesen, egal auf welche Art.




