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Startseite > Wann Ausplaudern erlaubt ist

Gute Geheimnisse, gefährliche Geheimnisse

Wann Ausplaudern erlaubt ist

Ein Beitrag von Monika Klingemann

Was ist Ihr kleines Geheimnis? Dass Sie seit Jahren den früh ergrauten Haaransatz färben; dass Sie kürzlich auf eine ganz billige Phishing-Masche hereingefallen sind oder dass Sie an schlechten Tagen am liebsten zu noch schlechterer Literatur greifen?

Auch Kinder haben ihre Geheimnisse. Das gehört zum Kindsein dazu wie Eiscreme zum Sommer. Da gibt es das heimliche Versteck ganz hinten im Garten, das man ganz allein für sich hat und von dessen Existenz man keinem erzählt. Es bleibt geheim, dass man die kaputte Tasse einfach schnell hinten in den Schrank geschoben hat. Und dass Leon für Emma schwärmt, darf auch niemand erfahren.

Faszination Geheimnis

Geheimnisse üben in der Kindheit eine große Faszination aus. Kinderbücher, die mit einem „Geheimnis“ im Titel für sich werben, füllen ganze Regalwände. Ein geheimer Club unter Freundinnen – versteckte Schätze nicht nur auf der Kinderparty – Geheimsprache auf dem Schulhof – eine Geheimschrift für die Kommunikation mit dem Bruder: Vielleicht erinnern Sie sich auch selbst noch, wie viel Begeisterung und Erfüllung darin stecken kann, Wissen nur mit ausgewählten Vertrauten zu teilen.
Ein Geheimnis zu erkennen und bewahren zu können, ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Erst ab etwa vier bis fünf Jahren sind Kinder dazu in der Lage, mentale Inhalte in sich selbst und in anderen Personen zu erkennen (Theory of Mind) und die eigene Meinung und den eigenen Wissensstand von dem anderer Personen zu unterscheiden.

Freundschaftsbeweis und Abgrenzung

Ein kleines Kind, das sich an seinem Geheimnis „ganz für mich allein“ erfreut, erlebt Autonomie: „Ich kann und darf selbst entscheiden, was ich mit anderen teile.“ So entsteht ein Bewusstsein für das eigene Selbst, eine eigene Identität wird aufgebaut.

Für sieben- bis achtjährige Kinder dann ist das Bewahren von Geheimnissen ein wichtiges Merkmal von Freundschaft: „Ich habe im Diktat abgeschrieben“, verrät Laura ihrer besten Freundin. Finn weiht seinen Freund exklusiv in seine Geburtstagspartypläne ein – und der sagt es nicht weiter. Geteilte Geheimnisse schaffen Verbindung und sind ein Vertrauensbeweis unter Freundinnen und Freunden: Paul erzählt seinem Freund Max, dass er nur mit Kuschelhase gut schläft – und baut darauf, dass dieser ihn nicht in der Gruppe bloßstellt. Wer zum Geheimnisträger auserkoren wird („Nur wir zwei wissen das!“), fühlt sich zugehörig und anerkannt: „Der andere weiß, dass er sich auf mich verlassen kann.“

Indem Kinder Geheimnisse teilen, verbünden sie sich gegen die Außenwelt und grenzen sich ab von der Kontrolle der Erwachsenen. Sie erleben sich auf diese Weise als selbstständig und selbstwirksam. Wenn also die Geschwister gemeinsam vertuschen, dass sie entgegen der Absprache spätabends noch gemeinsam am Tablet gewesen sind, ist das auch Teil ihres Ablösungsprozesses von den Eltern. Auch in dieser Hinsicht hat das Geheimnis eine wichtige entwicklungspsychologische Funktion.

Gefährliche Geheimnisse

Manchmal können Geheimnisse aber auch gefährlich sein. Täter, etwa im Bereich Pädophilie, machen es sich zunutze, dass ein Geheimnis für Kinder zunächst positiv besetzt ist. „Das erzählst du aber nicht der Mama, das ist unser Geheimnis“, manipulieren sie das Opfer und suggerieren eine Übereinstimmung, die gar nicht da ist. Oft folgt noch eine Drohung: „Sonst …“

Und es ist ja wirklich schwer: Muss ein Geheimnis grundsätzlich bewahrt werden? Wie weit gehen Loyalität und Kameradschaft, und wann ist Weitersagen kein „Petzen“, Denunzieren oder Verrat? Auch wir als Eltern senden da unterschiedliche Signale aus: Klar soll Papa nichts vom Überraschungsgeschenk erfahren – aber wenn ein Fremder komische Dinge sagt oder tut und sie zum „Geheimnis“ erklärt, gilt das nicht? Es ist eine Herausforderung für Kinder, zwischen guten und schlechten Geheimnissen zu unterscheiden.

Doch es gibt ein paar Kriterien, die Kindern Orientierung geben können. Ein gutes, harmloses Geheimnis macht gute Gefühle. Der Überraschungsbesuch, von dem Oma noch nichts wissen darf, gehört in diese Kategorie genauso wie das geteilte Wissen um ein tolles Schatzversteck und andere Freundschaftsgeheimnisse unter Gleichaltrigen, aber auch kleine Schummeleien ohne Schadenspotenzial. Oft hat ein solches Geheimnis quasi ein „Ablaufdatum“: Irgendwann kommt die Auflösung – der Besuch bei der Oma steht an und die Freude ist riesig. Gute Geheimnisse haben insofern eher den Charakter einer Überraschung. Manche Fachleute empfehlen daher auch, harmlose „Nicht verraten!“-Themen als Überraschung und nicht als Geheimnis zu bezeichnen.

Ein schlechtes, gefährliches Geheimnis dagegen macht Angst oder traurig und verursacht ein mulmiges Gefühl oder Bauchschmerzen, vielleicht sogar im wörtlichen Sinn. Das Körpergefühl kann also ein guter Kompass sein: Wenn sich ein Geheimnis falsch anfühlt, ist es das meistens auch. Der Geheimnisgeber will manchmal Stillschweigen mit Drohungen erreichen: „Wenn du das jemandem sagst, gibt’s Ärger!“ Oft ist es ein Erwachsener, der das Kind so zur Geheimhaltung drängt. In diesem Fall ist Weitersagen nicht verboten, sondern genau das Richtige. Belastende Geheimnisse dürfen immer geteilt werden. Wenn das Kind sich dazu entschließt, verdient das Anerkennung: „Ich finde es sehr mutig, dass du dich traust, mir das zu erzählen“, setzt für das Kind den richtigen Rahmen: Es ist Mut, nicht Verrat, wenn man ein schlechtes Geheimnis teilt.

Gute und schlechte Geheimnisse die Unterschiede

Ein gutes, harmloses Geheimnis …

    • macht gute Gefühle
    • ist z. B. ein Freundschaftsgeheimnis
    • unter Gleichaltrigen,
    • eine kleine Schummelei
    • hat ein „Ablaufdatum“ mit Auflösung
    • ist wie eine Überraschung
    • kann man für sich behalten

Ein schlechtes, gefährliches Geheimnis …

    • macht Angst oder traurig
    • geht oft von einem Erwachsenen aus
    • verursacht ein mulmiges Gefühl oder Bauchschmerzen
    • der andere droht Strafen an, wenn man es verrät
    • muss man weitersagen

Atmosphäre des Vertrauens

Trotzdem ist es manchmal schwer für ein Kind, sich zu öffnen und uns anzuvertrauen – Scham, Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen stehen dagegen. Denn Geheimhaltung betrifft ja oft ein Vergehen: Die Hose ist kaputtgegangen, weil man auf dem verbotenen Grundstück gespielt hat. Das Geld in Papas Portemonnaie fehlt, weil es der große Bruder genommen hat. Wer dann schon mal negative Erfahrungen mit Offenheit und Geständnissen gemacht hat, schweigt auch jetzt lieber (oder denkt sich eine Notlüge aus). In einer Atmosphäre des Vertrauens und einer gelebten offenen Gesprächskultur dagegen weiß das Kind, dass es auch mit „blöden“ Themen zu uns kommen und über alles sprechen kann.

Eigentlich … Wenn unser Kind aber bedrückt ist, ohne uns von seinen Sorgen zu erzählen, und verschlossener oder reizbarer als sonst erscheint? Dann hilft es ihm trotzdem, wenn wir ihm signalisieren: „Ich habe das Gefühl, du bist traurig. Möchtest du darüber reden? Wir sind für dich da.“

Und wenn wir Gesprächsangebote machen, ohne auszufragen, ohne zu verhören und ohne Schuldzuweisungen („Warum hast du das denn nicht vorher erzählt?“). In manchen Familien sind im Alltag ohnehin kleine Momente des gemeinsamen Gesprächs etabliert – abends nach dem Zähneputzen oder sonntagsmorgens im Familienbett. Seien wir also zuversichtlich, dass unser Kind diese Angebote nutzen wird und erzählt, wenn ihm ein Geheimnis auf der Seele lastet.

Denn auch umgekehrt ist Vertrauen wichtig: Wir dürfen unseren Kindern vertrauen und ihnen etwas zutrauen. Und müssen es aushalten, dass sie uns etwas vorenthalten. „Jedes Kind hat das Recht auf Privatsphäre“, so steht es auch in Artikel 16 der UN-Kinderrechtskonvention. Und auch die Loyalitätskonflikte eines Kindes („Aber ich hab‘s versprochen!“) müssen wir ernst nehmen.

Das Teilen von Geheimnissen ist ein Geschenk, lässt sich aber nicht erzwingen. Es mag wehtun, nicht in alles eingeweiht zu sein, was unsere Kinder bewegt. Aber das fröhlich-giggelnde „Das sagen wir dir nicht, Papa“ zwischen Geschwistern ist ebenso ein wichtiger Akt der Abgrenzung von der Allmacht der Erwachsenen wie das Schweigen unseres Teenagers auf die Frage, wohin er jetzt wieder loszieht. Freuen wir uns also über diese Entwicklungsschritte als Teil des Erwachsenwerdens! Und wenn wir wissen, dass unsere Kinder uns als Vertrauenspersonen schätzen, können wir auch darauf bauen, dass sie uns einweihen, wenn ein Geheimnis ihnen doch mal mulmige Gefühle macht.

Buchtipp

Psst!
Gute und schlechte
Geheimnisse.

Ein Zusammen-
lesebuch für Kinder
und Erwachsene.

Begleitet vom
Kinderschutzbund,
Verlag Dragonfly
2022, 18 Euro.

17.
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