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Eifersucht
Geschwister zwischen Liebe und Neid
Ein Beitrag von Monika Klingemann
Die Beziehung zwischen Geschwistern ist eine der intensivsten – und wahrscheinlich die längste – im Leben. Nicht immer geht es dabei im Kinderzimmer harmonisch zu, vielmehr sorgen Eifersucht und Rivalität oft dafür, dass es rumpelt. Wie kommt das und wie können Eltern die Verbindung zwischen ihren Kindern zu stärken?
Wer mehr als ein Kind hat, kennt vielleicht Situationen wie diese: Beim Abendessen zeigt Kind Nummer zwei stolz seine tolle Mathearbeit und wird von den Eltern gebührend bewundert. Kind Nummer drei saust los, holt sein selbst gebautes Lego-Mondfahrzeug und schiebt es ausdauernd auf dem Matheheft hin und her. Kind Nummer eins ruft wütend: „Ja, klar, Madame Superschlau wird wieder gelobt“, und verlässt türenknallend das Zimmer. Die Harmonie ist dahin, es riecht nach Streit.
Eifersucht ist es, was die Geschwister da plagt. Manche unter uns erinnern sich vielleicht auch an Erlebnisse aus der eigenen Kindheit, in denen man sich gegenüber Bruder oder Schwester benachteiligt fühlte und sicher war, das ungeliebteste Kind der Familie zu sein.
Eifersucht ist die Angst, dass wir die Zuwendung, Aufmerksamkeit oder Liebe einer uns wichtigen Person mit jemandem teilen müssen oder sogar verlieren.
Angst vor Verlust
Eifersucht ist die Angst, dass wir die Zuwendung, Aufmerksamkeit oder Liebe einer uns wichtigen Person mit jemandem teilen müssen oder sogar verlieren. Bei Geschwistern ist es das Gefühl, im Wettbewerb um elterliche Ressourcen (Liebe, Zeit) den Kürzeren zu ziehen – letztlich ist es also eine Angst vor Beziehungsverlust. Im Zentrum steht eine Dreieckssituation: das Kind, die geliebten Eltern und Bruder oder Schwester als Rivalen. Das ist im Übrigen ein Unterschied zum Neid, wo es darum geht, dass jemand anderer etwas hat, was ich auch besitzen möchte. Beispiel: Die kleine Schwester ist neidisch auf die große, weil die schon in die Schule darf. Im Konflikt zwischen Geschwistern überschneiden oder mischen sich diese Emotionen oft.
Eifersucht hat viele Ursachen
Wie kommt es, dass ein Kind, das sich doch eigentlich der Liebe seiner Eltern gewiss sein sollte, solche Ängste hat? Die Anlässe und Hintergründe sind vielschichtig.
Verglichen werden: Die Versuchung ist groß, dass wir im Alltag unsere Kinder miteinander vergleichen. Einen Satz wie „Jetzt mach doch mal voran mit dem Aufräumen – guck mal, deine Schwester ist schon fertig mit ihrem Bereich“ verstehen wir vielleicht wir als Motivation oder Ansporn. Und mit Glück beschert uns solches Wettbewerbsdenken einen kleinen Zeitgewinn beim Aufräumen. Doch zugleich fördert es bei den Geschwistern ein Rivalisieren, eine Konkurrenz, die im schlimmsten Fall in Missgunst mündet. Also genau das, was wir uns für unsere Kinder nicht wünschen.
Zeit ist endlich: Kinder erleben die elterliche Aufmerksamkeit als begrenzte Ressource. Klar: In einer Mehrkindfamilie kann man Mama und Papa nicht exklusiv für sich beanspruchen. Gerade wenn das erste Kind nach der Geburt eines Babys seine wichtigsten Menschen plötzlich 24/7 mit der neuen Konkurrenz teilen muss, sind Enttäuschung und Frust vorprogrammiert: Mama muss jetzt die kleine Schwester stillen, aber wir haben doch gerade zusammen die Holzeisenbahn aufgebaut. „Blödes Baby!“
Ungleichbehandlung: Wir haben jedes Kind gleich lieb, aber wir behandeln natürlich nicht jedes gleich, das können und sollten wir auch gar nicht. Wenn das Schulkind mit Papa einen spannenden Film auf dem Tablet guckt, muss der Kindergarten-Knirps außen vor bleiben. Das entrüstete „Wieso darf die das und ich nicht?“ kann dann in ein enttäuschtes „Immer macht ihr mit der die besseren Sachen …“ münden.
Große Ähnlichkeit: Konflikte zwischen Geschwistern entstehen oft dann, wenn der Altersabstand klein ist, also unter zwei Jahre. Die Kinder befinden sich dann in ähnlichen Entwicklungsphasen – das bietet reichlich Stoff für Konkurrenz und Reibung. Auch zwischen Geschwistern des gleichen Geschlechts kracht es häufiger, wenn sich die Interessen überschneiden und man sich in denselben Bereichen miteinander vergleicht.
Wenn ein neues Baby kommt
Eifersucht wird besonders dann ein Thema, wenn das zweite oder ein weiteres Kind geboren wird. Das Erstgeborene verliert seine exklusive Position als alleiniger Mittelpunkt der Familie, und diese „Entthronung“ bringt seine Sicherheit ins Wanken. Stellen wir uns mal vor: Auf dem Sofa sitzt unser Lieblingsmensch, kuschelt und küsst einen anderen und zeigt eine Liebe, die bisher nur uns selbst zuteilwurde. Verständlich, dass man sich zurückgesetzt und verlassen fühlt und Trauer und Wut entstehen. So gesehen sorgt das Geschwisterchen für den ersten Liebeskummer eines Kindes. Dazu kommt, dass gerade ein kleineres Kind den Wandel nicht rational einordnen kann. Die ambivalenten Gefühle – einerseits ist das kleine Geschwisterchen süß und liebenswert, gleichzeitig empfindet man es als Konkurrenz und lehnt es ab – verwirren und belasten zusätzlich.
Umso wichtiger ist es, das große Kind auf die Veränderung vorzubereiten:
- Rechtzeitig vor der Geburt (aber nicht zu früh) altersgerecht erklären, was sich verändern wird; Bilderbücher zum Thema können da helfen.
- Frühzeitig ins Geschehen einbeziehen: Das große Kind Babysachen mit aussuchen lassen, dem Baby im Bauch gemeinsam ein Lied singen etc.
- Realistische Erwartungen schaffen: Das neue Baby wird erst mal kein Spielkamerad sein, und man kann es auch
nicht zurückgeben. - Andere Veränderungen vom Thema Baby trennen: Der Umzug ins eigene Zimmer, die Eingewöhnung in der Kita und andere große Ereignisse sollten vorher erledigt sein.
- Vorfreude auf die neue Rolle als großer Bruder/große Schwester wecken, aber ohne Verantwortung aufzubürden.
- Das erste Kennenlernen nach der Geburt bewusst gestalten: Das große Kind sollte im Fokus stehen und die ganze Aufmerksamkeit der Eltern haben. Ein kleines Geschenk „vom Baby“ für das große Geschwister kann den Einstieg erleichtern.
Die Geschwisterbeziehung stärken
Eltern können aber einiges tun, um die Verbindung zwischen ihren Kindern zu stärken.
Wertschätzung ohne Vergleicheritis: Dazu gehört zunächst, jedes Kind als Einzelwesen zu sehen und seine Individualität anzuerkennen, ohne es mit anderen zu vergleichen. Also statt die Schwester als Vorbild an Ordnung zu rühmen, lieber so: „Hey, letzte Woche hast du doch ratzfatz alles aufgeräumt. Meinst du, du schaffst das heute noch mal?“ Auch umgekehrt sollte man ein Kind nicht auf Kosten seiner Geschwister erhöhen. Wer ständig hört: „Du bist wirklich begabter als dein Bruder“, dem wird ebenfalls signalisiert: Ich bin nur dann etwas wert, wenn ich mehr Leistung bringe als die anderen. Ein „Wow, du bist echt gut in Mathe/hast tolles Gespür für Musik“ würdigt die Eigenschaften der Person selbst, ohne sie in Beziehung zu anderen zu setzen.
Einzelzeit schenken: Auch wenn der Tag nur 24 Stunden hat, können wir versuchen, darin jedem Kind einen Slot ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Das muss gar nicht lange sein, wir sollten darin aber verlässlich sein: eine Runde Sofakuscheln mit dem Großen, immer wenn das Baby Mittagsschlaf hält. Oder 15 Minuten Papa-Exklusiv-Zeit an geraden Tagen für Kind eins, an ungeraden für Kind zwei. Wenn Bedürfnisse direkt kollidieren wie oben beim Stillen versus Holzeisenbahn, kann man vielleicht improvisieren (warum nicht in der Eisenbahnlandschaft stillen und sich die Stilleinlagen per Schnellzug liefern lassen?). Oder das große Geschwister wirklich auf später „vertrösten“ – aber dann auch zuverlässig für das weitere Spiel bereitstehen. Auch der enttäuschte Kindergarten-Knirps, der vom Filmeschauen ausgeschlossen ist, kann mit einer entsprechenden Zusage sicher sein, dass er bald ebenfalls zu seinem Recht kommt.
Gefühle anerkennen: Wenn ein Kind sich zurückgesetzt oder benachteiligt fühlt (ob begründet oder nicht), ist es enttäuscht oder verärgert. Und das ist okay und würde uns Erwachsenen wohl ähnlich gehen. Wir müssen diese Gefühle ernst nehmen, auch wenn sie für uns gerade unbequem sind. Und können signalisieren, dass wir Aussagen wie „Blödes Baby“ richtig deuten: „Ich verstehe, dass du sauer bist, weil wir unser Spiel unterbrechen müssen.“ Auch Konflikte zwischen den Geschwistern können wir nicht kleinreden oder komplett verbieten. „Ihr müsst euch doch liebhaben, ihr seid Brüder“, das funktioniert nicht.
Positive Erlebnisse schaffen: Gemeinsame Aktionen oder Aufgaben schweißen Geschwister zusammen. Das kann ein Picknick sein, zu dem alle nach ihren Möglichkeiten etwas beitragen (Baby kann vielleicht seinen Kinderwagen-Korb als Transportmittel zur Verfügung stellen). Oder das Ritual, dass am Sonntagvormittag die Kinder fürs Frühstück zuständig sind. Wenn sich Geschwister als Team erleben, können alle ihre individuellen Stärken ausspielen, ohne in Konkurrenz miteinander zu stehen.
Keine Verantwortung aufzwingen: „Pass mal kurz auf das schlafende Baby auf, ich muss zum Bäcker“ – ein großer Altersabstand zwischen den Kindern hat den scheinbar tollen Vorteil, quasi den Babysitter gratis im Haus zu haben. Aber die Rolle als Ersatz-Verantwortlicher, die Eltern ihrem großen Kind da aufzwingen, führt nicht selten zu Ärger und Abneigung gegenüber dem Kleinen. Das große Geschwister sollte frei entscheiden können, ob es helfen und Verantwortung übernehmen will. Anders sieht es mit kleinen Hol- und Bring-Aufgaben aus. Eine Bitte wie „Kannst du mir vielleicht die neue Windelpackung aus dem Flur holen?“ kann den Vierjährigen stolz machen und ihm zeigen, dass er wichtig ist.

Geschwisterstreit moderieren
Über alles lässt sich streiten, und wenn Geschwister sich in die Haare kriegen, steckt hinter vielen Konflikten auch das Thema Eifersucht. Mal geht es ums Besitzen („Ich will auch mal das Feuerwehrauto!“, „Das sind meine Tonies!“), mal um Aufmerksamkeit (siehe das Beispiel am Abendbrottisch oben), mal (vordergründig) um Gerechtigkeit („Die hat mehr Pudding!“) und natürlich ums Vergleichen („Mein Bild ist schöner!“).
Aber egal, was die Anlässe sind: Als Elternteil fragt man sich oft, wie man sich selbst in der Situation verhält. Hier ein paar Tipps: Ich muss als Mama oder Papa nicht bei jedem Streit eingreifen, Kinder lernen Konfliktlösung auch im Aushandeln miteinander. Wenn aber Eskalation droht, kann unsere Vermittlung hilfreich sein: „Ich sehe, wie hier zwei Kinder an einem Spielzeug zerren. Was könntet ihr jetzt tun?“ Also gerne als Coach Werkzeuge zur Lösung anbieten – aber als Schiedsrichter sollten wir uns nicht missbrauchen lassen. Sonst geht es doch wieder darum, wer es schafft, die Eltern auf seine Seite zu ziehen. Auch Partei für das mutmaßliche Opfer zu ergreifen, sorgt am Ende oft für mehr Konflikte.
Übungsfeld fürs Leben
Haben Eltern etwas in der Erziehung falsch gemacht, wenn sich Geschwister viel streiten und eifersüchtig aufeinander sind? Nein! In Mehrkindfamilien ist Eifersucht nahezu unvermeidbar. Sie ist Teil der kindlichen Entwicklung. Kinder müssen erst lernen, mit Konkurrenz und Enttäuschung umzugehen. Konflikte mit den Geschwistern sind außerdem ein Übungsfeld für Empathie und Perspektivwechsel; Kinder erwerben so wichtige Kompetenzen fürs Leben. Tröstlich ist auch: Konflikte in der Kindheit prägen nicht zwangsläufig das Verhältnis zwischen den erwachsenen Geschwistern.
Signale lesen und nachjustieren
Eltern erhalten durch eifersuchtsbedingte Konflikte zudem wertvolle Hinweise, wo sich ein Kind gerade unsicher fühlt und wo Bedürfnisse vielleicht nicht genug berücksichtigt werden. Dann können sie nachjustieren, damit alle in der Familie zu ihrem Recht kommen. Mit Geduld, Aufmerksamkeit für jedes Kind und einem gelassenen Umgang mit Streit wächst meist eine tragfähige, liebevolle Bindung unter den Geschwistern.
Es ist also durchaus möglich, dass beim nächsten Familien-Abendessen die Großen fröhlich von einem erfolgreichen Match gegen die Nachbarskinder erzählen und der Kleine begeistert Beifall klatscht. Teamgeist statt Eifersucht.
Tipp
Die Familienbildung Darmstadt bietet spezielle Vorbereitungskurse an, wenn das zweite oder ein weiteres Kind unterwegs ist: für Eltern „Unsere Familie wächst – Vorbereitung auf die erste Zeit mit Baby und Kind(ern)“, und für Kinder zwischen 1,5 und drei Jahren gibt es das Angebot „Ich werde große Schwester/großer Bruder“.




Alena Darmel | pexels.com