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Startseite > Beauty and the Kid

Cremen, Schminken, Stylen schon im Grundschulalter

Beauty and the Kid

Ein Beitrag von Anke Breitmaier

Ein Samstagvormittag, irgendwo in einem deutschen Badezimmer. Vor dem Spiegel steht kein Teenager, sondern ein Mädchen mit Zahnlücke, das gerade erst den zweiten Schneidezahn verloren hat. In der Hand hält es einen Concealer-Stick, auf dem Waschbeckenrand liegt fein säuberlich aufgereiht eine kleine Sammlung aus Highlighter, Lipgloss und einem Fläschchen mit rosa Glitzer. Sorgfältig trägt das Mädchen den Concealer unter den Augen auf und verteilt mit einem speziellen Bürstchen Highlighter auf den noch kindlich runden Wangen. Mit dem Glätteisen bringt die Achtjährige ihre Haare danach in Form, bevor sie sich noch ein paar Tropfen von Mamas Chanel Coco Mademoiselle hinter die Ohren tupft.

Soziale Medien sind Vorbilder

Befeuert wird dieser Trend vor allem durch soziale Medien. TikTok und Instagram spülen Kindern schon lange vor dem eigentlichen Mindestalter der Plattformen Beauty-Content in die Timeline, oft über die Accounts älterer Geschwister, Freundinnen oder einfach weil das Smartphone der Eltern greifbar ist. Get-Ready-With-Me-Videos, in denen jüngere Content-Creator ihre zehnstufige Morgenroutine zeigen, erzeugen einen enormen Nachahmungsdruck. Dazu kommt ein verändertes Rollenbild: Schönheit und Selbstinszenierung werden nicht mehr nur als Vorbereitung auf besondere Anlässe verstanden, sondern als tägliche Praxis, die zur eigenen Identität gehört. Auffällig ist außerdem, dass sich der Trend längst nicht mehr auf Mädchen beschränkt. Auch Jungen greifen zunehmend zu Concealer, getönter Tagescreme oder Augenbrauengel, wenn auch bislang in deutlich kleinerem Umfang.

Kinderärzte und Dermatologen beobachten diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist der spielerische Umgang mit Farbe, Textur und dem eigenen Aussehen Teil der kindlichen Entwicklung und per se nichts Bedenkliches. Andererseits sorgen sie sich um zwei Dinge: die Belastung empfindlicher Kinderhaut durch Wirkstoffe, die für sie gar nicht gedacht sind, und den psychologischen Druck, möglichst früh einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen.

Wie sicher sind die Produkte wirklich?

Grundsätzlich unterliegt jedes in der EU verkaufte Kosmetikprodukt der Europäischen Kosmetikverordnung. Sie schreibt vor, welche Stoffe verboten oder nur in bestimmten Konzentrationen erlaubt sind, verlangt eine Sicherheitsbewertung durch eine verantwortliche Person und macht eine vollständige Liste aller Inhaltsstoffe in der sogenannten INCI-Liste zur Pflicht. Das klingt zunächst beruhigend, bedeutet aber nicht automatisch, dass jedes zugelassene Produkt auch für Kinderhaut geeignet ist. Die Verordnung unterscheidet nämlich nicht grundsätzlich zwischen Erwachsenen- und Kinderkosmetik, mit Ausnahme einiger weniger Sonderregelungen etwa für Sonnenschutzmittel oder bestimmte Konservierungsstoffe.

Dabei ist Kinderhaut ganz anders als die von Erwachsenen und verdient tatsächlich auch einen besonderen Schutz. Denn sie ist dünner, hat eine noch nicht vollständig ausgereifte Schutzbarriere und reagiert empfindlicher auf Duftstoffe, ätherische Öle oder Wirkstoffe wie Retinol, Fruchtsäuren oder hochprozentige Vitamin-C-Präparate. Genau diese Inhaltsstoffe finden sich jedoch zunehmend in den Produkten, die über soziale Medien an junge Zielgruppen vermarktet werden. Anti-Aging-Cremes enthalten teils Wirkstoffkomplexe, die auf reife Haut mit ersten Fältchen abzielen und auf Kinderhaut schlicht nichts zu suchen haben. Die Folge können Reizungen, Rötungen, allergische Kontaktekzeme oder in selteneren Fällen sogar photosensibilisierende Reaktionen sein, wenn behandelte Haut anschließend der Sonne ausgesetzt wird.

Sorgenkind Glitzer

Seit Oktober 2023 gilt in der EU ein schrittweises Verbot von absichtlich zugesetztem Mikroplastik in Kosmetikprodukten, wovon auch klassischer Kosmetik-Glitzer betroffen ist. Hersteller mussten und müssen ihre Rezepturen entsprechend umstellen, was in der Praxis bedeutet, dass zunehmend biologisch abbaubare Alternativen wie Glimmer, Cellulose oder Mica zum Einsatz kommen. Für Eltern lohnt sich trotzdem ein Blick auf die Verpackung, denn ältere Bestände mit klassischem Kunststoffglitzer sind teilweise noch im Umlauf. Problematisch ist Glitzer außerdem, wenn er ins Auge gerät, denn die kleinen Partikel können die empfindliche Augenoberfläche verletzen und Entzündungen auslösen.

Harmloser Nagellack?

Nicht unbedingt, auch bei Nagellacke für Kinder sollten Eltern genauer hinschauen. Klassische Formulierungen enthalten häufig Toluol, Formaldehyd oder Phthalate, also Weichmacher, die im Verdacht stehen, hormonell wirksam zu sein. Inzwischen gibt es zwar spezielle „3-Free“- oder „5-Free“-Lacke, die auf diese Substanzen verzichten. Reine Kinderprodukte enthalten sie in der Regel auch nicht mehr, ein Blick auf die Inhaltsstoffliste schadet trotzdem nie. Lipgloss und Lippenbalsam wiederum werden von kleinen Kindern häufig verschluckt oder abgeleckt, ein Umstand, den Hersteller kennen und weshalb entsprechende Produkte grundsätzlich lebensmittelrechtlich unbedenklich formuliert sein sollten. Verlässlich ist das dennoch nur bei Markenware mit vollständiger Deklaration, nicht bei Billigimporten ohne erkennbaren Hersteller, die man zum Beispiel online findet oder in Billigläden.

Worauf Eltern konkret achten sollten

Eine pauschale Antwort auf die Frage „Kosmetik ja oder nein“ gibt es nicht, wohl aber ein paar Empfehlungen.

Wichtig ist zunächst der Blick auf die Deklaration: Produkte ohne INCI-Liste, ohne Herstelleradresse oder ohne CE-ähnliche Kennzeichnung sollten grundsätzlich nicht auf Kinderhaut kommen, unabhängig davon, wie hübsch und hochwertig die Verpackung aussieht.

    • Speziell für Kinder entwickelte Linien verzichten meist bewusst auf Duftstoffe, ätherische Öle und aktive Wirkstoffe und setzen stattdessen auf milde, gut untersuchte Basisformulierungen. Sie sind in der Regel für Kinder besser geeignet als Erwachsenenprodukte, selbst wenn „sensitiv“ oder „für empfindliche Haut“ draufsteht.
    • Gerade bei neuen Produkten ist es vor der ersten Anwendung sinnvoll eine kleine Menge davon auf die Armbeuge aufzutragen, um zu prüfen, wie es vertragen wird. Bei Rötungen, Juckreiz oder Pusteln sollte man das Produkt natürlich nicht mehr verwenden.
    • Grundsätzlich gilt zudem: Weniger ist mehr. Eine mehrstufige Skincare-Routine mit Reinigung, Serum, Feuchtigkeitscreme, Augencreme und Sonnenschutz ist für eine gesunde Kinderhaut nicht nur überflüssig, sondern kann durch die Kombination verschiedener Wirkstoffe die Hautbarriere zusätzlich reizen.
    • Eine milde Reinigung und bei Bedarf eine einfache Feuchtigkeitscreme reichen für die allermeisten Kinder vollkommen aus, Sonnenschutz aus-
      genommen, der aus dermatologischer Sicht in jedem Alter sinnvoll ist.

Auch beim Umgang mit Werbung und sozialen Medien sollten Eltern ihre Kinder begleiten. Dazu gehört auch, sich gemeinsam Beauty-Videos anzuschauen und darüber zu sprechen, was es mit den Schönheits- und auch Gesundheitsversprechen auf sich hat. Ein Verbot allein reicht oft nicht aus. Wichtiger ist, Kindern zu helfen, Werbung kritisch einzuordnen – auch wenn sie dazugehören und mitreden möchten.

Plötzlich Model?
Wenn die Zwölfjährige geschminkt zur Schule geht

Für viele Eltern ist genau dieser Moment die eigentliche Herausforderung: Das Kind steht morgens fertig geschminkt in der Tür, mit Foundation, dunklem Eyeliner und vielleicht sogar falschen Wimpern und die Zeit reicht nicht mehr für eine ausführliche Grundsatzdiskussion. In solchen Situationen sollten Eltern nicht auf Konfrontation setzen, sondern das Gespräch auf später verschieben. Ein Verbot in letzter Minute vor der Tür führt nämlich selten zur Einsicht. Es führt eher zu Trotz oder dazu, dass Kinder das Gefühl haben, sich heimlich schminken zu müssen.
Sinnvoller ist ein Gespräch am Abend oder am Wochenende, in Ruhe und ohne Zeitdruck. Darin sollte es auch weniger um ein pauschales Ja oder Nein gehen als um die Frage, was hinter dem Wunsch steckt. Geht es um Zugehörigkeit, um das Gefühl, ohne Make-up nicht „fertig“ auszusehen, oder einfach um kindliche Experimentierfreude? Ein Kompromiss, etwa dezentes Make-up mit Tagescreme, getöntem Lippenbalsam und einer Wimperntusche statt vollem Contouring, kann ein praktikabler Mittelweg sein. Wichtig ist dabei auch die eigene Vorbildfunktion:

Wer selbst täglich stundenlang vor dem Spiegel steht oder abwertend über ungeschminkte Gesichter spricht, sendet automatisch ein Signal, das über Verbote hinausgeht.

Künstliche Fingernägel: Glanz mit Risiko

Kaum ein Beauty-Trend hat sich bei jüngeren Mädchen in den vergangenen Jahren so schnell durchgesetzt wie künstliche Fingernägel, ob als aufgeklebte Press-on-Nails, als Gel-Modellage aus dem Nagelstudio oder als selbstklebende Nagelfolie. Aus kosmetischer Sicht sprechen einige gute Argumente gegen den frühen Einsatz bei Kindern. Das Nagelbett ist bei jungen Menschen noch im Wachstum, und das dauerhafte Aufkleben oder Aufmodellieren kann die natürliche Nagelplatte schwächen, verdünnen oder anfälliger für Pilzinfektionen machen, insbesondere wenn Feuchtigkeit unter die Modellage gelangt. Bei der professionellen Gel- oder Acrylmodellage kommt zudem der Kontakt mit stark riechenden Klebern und Härtungslampen mit UV- oder LED-Licht hinzu, deren Langzeiteffekte auf junge Haut bislang kaum erforscht sind.

Allergien gegen die verwendeten Acrylate zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen, sie äußern sich durch Rötung, Schwellung und Juckreiz rund um den Nagelfalz und können in seltenen Fällen chronisch werden. Für Kinder und jüngere Teenager empfehlen Dermatologen daher eher schonende Alternativen wie hochwertigen, atmungsaktiven Nagellack oder kurzzeitig getragene Press-on-Nails aus dem Drogeriemarkt, die sich rückstandsfrei wieder entfernen lassen, statt der dauerhaften Studio-Modellage.

Falsche Wimpern und die Sache mit dem Klebstoff

Ähnliches gilt für falsche Wimpern. Ob als einzelne Büschel, ganze Wimpernbänder oder als aufwendiges Wimpern-Lifting, das Auge zählt zu den empfindlichsten Körperregionen überhaupt. Der verwendete Wimpernkleber enthält häufig Cyanacrylate, die bei empfindlicher Haut Kontaktallergien auslösen können, mit Symptomen von geröteten, geschwollenen Lidern bis hin zu einer regelrechten Lidrandentzündung. Auch mechanische Reizungen der Hornhaut durch nicht sachgerecht angebrachte Wimpern kommen vor, ebenso wie ein erhöhtes Risiko für Gerstenkörner, wenn die Lidkante durch den Klebstoff verstopft.

Bei Kindern und jüngeren Jugendlichen raten Augenärzte grundsätzlich von falschen Wimpern ab, allein schon deshalb, weil die feinmotorische Präzision beim Anbringen und vor allem beim rückstandsfreien Entfernen erfahrungsgemäß erst mit zunehmendem Alter zuverlässig gelingt. Wird dennoch experimentiert, sollte es sich um kurzfristig getragene, gut ablösbare Varianten für besondere Anlässe handeln, nicht um dauerhaft getragene Extensions.

Tattoos und Piercings:
Was Eltern wissen sollten

Nicht immer ist das, was Kinder wollen, abwaschbar. Immer mehr jüngere Kinder interessieren sich auch für Tattoos und Piercings. Rechtlich gibt es dabei jedoch klare Grenzen: Tätowierungen sind bei unter 16-Jährigen in Deutschland verboten, übrigens auch mit Einwilligung der Eltern. Zwischen 16 und 18 Jahren ist die Zustimmung der Erziehungsberechtigten erforderlich.

Für Piercings, etwa auch Ohrlöcher, gibt es zwar keine einheitliche Altersgrenze. Seriöse Studios verlangen bei Minderjährigen jedoch in der Regel ebenfalls die Einwilligung der Eltern und lehnen Eingriffe bei sehr jungen Kindern häufig ab.

Denn auch Tattoo und Piercings sind zwar schick und trendy, aber nicht ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen. Infektionen, Allergien oder Narben sind nicht selten. Und so manch ein Körperschmuck sieht mit 30 Jahren ganz anders aus als mit 16. Gerade Kinder können das oft noch nicht abschätzen.

Ein guter Tipp für Eltern ist, die gesetzlichen Altersgrenzen ruhig als Unterstützung zu nutzen. Ein klares „Das ist gesetzlich noch nicht erlaubt“ erspart oft langwierige Diskussionen und verschafft Zeit. Dann hat sich so manch ein Beautywunsch mitunter ausgewachsen.

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